Leichen der Politik: ‘Die Toten kommen’ vom Zentrum für politische Schönheit

Der Slogan hatte es in sich: „Die Toten kommen“ verkündete das „Zentrum für politische Schönheit“. Die Leichen von Menschen, gestorben beim Versuch nach Europa zu gelangen, würde man in die Berliner Innenstadt bringen. Dort sind sie angekommen. 

(Erstveröffentlicht am 22. Juni 2015)

Das hyperreale Theater des Zentrums überschreitet regelmäßig die Grenzen des ‚guten Geschmacks‘, etwa als es 2012 Kopfgelder auf die Haupteigner des Waffenherstellers Krauss-Maffei Wegmann aussetzte, der Panzer nach Saudi-Arabien liefern wollte. Statt eines anonymen Konzerns standen plötzlich die Mitglieder einer großbürgerlichen Familie als Privatpersonen in der Öffentlichkeit.

Im vergangenen Jahr setzte ein fingiertes Bundesprogramm für die Adoption syrischer Kinder unter dem Motto Nur ein Kind gewinnt, 99 können weitersterben die deutsche Wohlstandsgesellschaft in Kontrast zum Leiden außerhalb der EU-Mauern. Im Rahmen der Kampagne wurden unter anderem Leichensäcke vor dem Kanzleramt abgelegt – eine Idee, die im aktuellen Projekt ihre konsequente Fortsetzung findet.

Die Toten kommenfordert ein monumentales Mahnmal für die Menschen, die bei ihrer Flucht nach Europa das Leben verlieren – so positioniert, dass es die Bundesregierung beim Blick aus dem Fenster sehen müsste. Der Grundstein sollte am vergangenen Sonntag gelegt werden – mithilfe eines Baggers. Die Skurrilität der diversen Ankündigungen zwang Politiker und Behörden zu mindestens ebenso absurden Dementi und Auflagen für die Demonstration.

Der 'Marsch der Entschlossenen' in Berlin. (Courtesy Flickr | sebaso | CC 2.0)
Der ‚Marsch der Entschlossenen‘ in Berlin. (Flickr | sebaso | CC 2.0)

Obwohl seine Selbstdarstellung das mitunter impliziert, ist das „Zentrum für politische Schönheit“ natürlich nicht die einzige gesellschaftliche Kraft, die sich mit diesen Problematiken beschäftigt. Im Gegenteil, die Künstler-Aktivisten greifen Themen auf, die bereits debattiert werden – aber sie tun das mit einer ungewöhnlichen Radikalität. Und nicht zuletzt nach allen Regeln der vernetzten Mediengesellschaft.


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Die Organisation um Phillip Ruch und Fabian Pelzer arbeitet wie ein Think Tank, die Kampagnen folgen ausgefeilten PR-Strategien und nutzen Methoden wie Crowdfunding, um Finanzmittel, vor allem aber Menschen zu mobilisieren. Über 5000 kamen am Samstag, rissen den Zaun um die Reichstagswiese ein und öffneten so einen Raum für den politischen Diskurs-Zirkus, den Demonstranten, Polizisten und Journalisten daraufhin kollektiv beackerten.

Wie ein Zahnarzt geht gesellschaftskritische Kunst dorthin, wo es weh tut. Im Unterschied zum Mediziner muss sie aber keine Lösungen finden, das Anbohren genügt. Die Überbleibsel des Events – flache Erdlöcher im Rasen – sind zu Gräbern von Menschen geworden, die wir nie gesehen haben. Ihren Schmerz können wir nicht kennen oder nachempfinden, aber er ist näher an uns heran gerückt. Es ist ein wenig schwerer geworden, die Toten zu verleugnen.

Foto oben: Flickr | Florian Lehmuth | CC 2.0