Kultfilmstar aus Versehen: Der Drehbuchautor und Regisseur Laz Rojas spielte über 100 Rollen selbst

Bekannt wurde Laz Rojas durch einen seltsamen Film, in dem er alle Figuren selbst verkörperte. Obwohl Hollywood seine Arbeit seit Jahrzehnten ignoriert, gibt der Regisseur, Schauspieler und Kameramann nicht auf.

Bevor das Internet zur bevorzugten Tauschbörse für Raubkopien und seltsame Videoschnipsel wurde, kursierten Clips auf VHS-Kassetten. Auf diese Weise gelangte auch allerlei bizarres und unerwartetes Material in Umlauf. Wenn zum Beispiel ein Spielfilm am heimischen Recorder kopiert wurde, blieb in der Regel noch etwas Platz am Ende des Bandes, auf dem so manches Schmankerl untergebracht werden konnte. Oder ein Film brach mittendrin ab, weil ihn irgendwer mit etwas anderem überspielt hatte. Dann fragte sich manch ein Zuschauer, was eigentlich gerade auf dem Bildschirm geschah.

Ende der 1990er Jahre kursierte, vor allem in den USA und teilweise nur in Ausschnitten, ein seltsamer DIY-Streifen unter Filmfreaks, in dem ein einziger Schauspieler alle Rollen selbst verkörperte. Mittels Gegenschnitt ließ er verschiedene Personen miteinander interagieren: Männer, Frauen, Kinder, sogar Außerirdische. Der gesamte Film hatte eine Länge von über vier Stunden, mehrere Plots und zeigte mehr als 100 Figuren in teils aufwendigen Kostümen. Doch eines enthielt die eigenartige Home-Produktion nicht: Eine Antwort auf die Frage, warum der unbekannte Darsteller das alles überhaupt gemacht hatte.

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Eigentlich war das Vier-Stunden-Epos One Man Showcase gar nicht für ein breites Publikum gedacht. Der Mann dahinter heißt Laz Rojas und versucht bereits seit Jahrzehnten gegen alle Widerstände, im Filmgeschäft Fuß zu fassen. Anfang der 1990er hatte er die Idee, seine Fähigkeiten als Autor, Schauspieler, Kameramann und Regisseur in einer Art Bewerbungsvideo zu präsentieren. Deshalb verband er mehrere seiner eigenen Drehbücher und spielte alle Rollen selbst. Das Video schickte er an die Adressen ihm bekannter Hollywood-Firmen, erhielt aber keine positive Antwort.

Doch Laz Rojas gab nicht auf. Obwohl er noch nie Erfolg hatte, schrieb er weiter ein Drehbuch nach dem anderen. Weil er sich selbst nicht besonders für die Independent-Filmszene interessiert, bemerkte Rojas indes gar nicht, dass der immer wieder kopierte One Man Showcase dort zu einem Kultfilm avancierte. Ohne es zu wollen, hatte er einen Kunst-Film geschaffen. Vor Kurzem spürte das Vice-Format Outsider Rojas in Los Angeles auf und fand heraus, dass er mittlerweile obdachlos ist und mit seiner 78jährigen Mutter im Auto lebt.

2016 wurde One Man Showcase erstmals in einem Kino in LA gezeigt. Freunde des Multitalents haben eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um ihm finanziell unter die Arme zu greifen. Ungeachtet all der Rückschläge arbeitet Laz Rojas unterdessen bereits an einem neuen Filmprojekt. Ich wollte mehr über sein bemerkenswertes Lebenswerk erfahren und vor allem über das Universum aus Ideen, die nie umgesetzt wurden. Deshalb habe ich Rojas per Email befragt – und fand einen Interviewpartner mit einer geradezu überbordenden Kreativität und Fantasie.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, alle Charaktere eines Films selbst zu spielen?

Ich habe schon in den 1970ern Kurzfilme und Cartoons mit einer Super-8-Kamera gedreht, die mir meine Eltern zum zehnten Geburtstag geschenkt hatten. Die Kurzfilme besetzte ich mit Schulfreunden, aber die Stimmen für die Trickfilme sprach ich selbst ein. In den frühen 1980ern konzentrierte ich mich ganz auf die Schauspielerei und spielte in diversen Off-Off-Broadway-Produktionen. Das war mir jedoch nicht genug. Also zog ich nach Los Angeles mit dem Ziel, ein Drehbuch zu verkaufen und dann als Regisseur oder Hauptdarsteller an der Produktion mitzuwirken.

Anfang der 1990er hatte ich noch immer keinen Fuß in die Tür bekommen. Da entschied ich mich für eine ungewöhnliche Methode, um die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen und meine Fähigkeiten in der Schauspielerei, im Schreiben, Regieführen und Nachbearbeiten zu präsentieren – alles in einem Paket. So entstand die Idee zu einem einzigartigen Demotape, wie es noch nie zuvor jemand gemacht  hatte. Es wurde meine Visitenkarte, ich verschickte es an Agenten, Manager und Produzenten, um aus der Masse herauszustechen.

Mit einigen Tricks haben Sie die Illusion erschaffen, im Raum seien mehrere Personen anwesend, obwohl da nur Sie selbst waren. Könnten Sie das genauer erklären?

Vor dem Dreh habe ich mir überlegt, wo genau am Set sich jede Figur befinden würde. Alle Kameraperspektiven und Schnitte hatte ich schon vorher im Kopf auf einer Art mentalem Storyboard. Während ich dann eine Figur darstellte, wusste ich genau, wo die anderen waren und wohin ich schauen musste. Wenn die Personen einander sehr nahe kamen oder körperlichen Kontakt hatten, musste ich einige Tricks anwenden. In einer Szene zum Beispiel, in der eine Mutter ihren Sohn ohrfeigt: Ich schlug mich selbst, während ich den Sohn spielte, trug dabei aber die falschen Fingernägel der Mutter.

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In einer anderen Szene streicht eine Figur der anderen durch das Haar. Dabei trug ich einen Ärmel der zweiten Figur. Später küssen sich die beiden. Das setzte ich um, indem ich mich selbst im Spiegel küsste, dabei jedoch das Make-Up der einen und die Perücke der anderen trug.

In dem Plot A Family spielen Sie alle Mitglieder einer Familie. Wie fühlte es sich an, diese Charaktere zu verkörpern?

Bei A Family handelt es sich eigentlich um mein zweites Script für einen abendfüllenden Spielfilm, ich schrieb es 1986. Das Spielen unterschied sich nicht besonders von anderen Projekten. Speziell jedoch war, dass ich eine der Figuren an unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben darstellte. In einer Szene sehen wir sie als Teenager in den 1950er Jahren, dann in einer anderen als Frau mittleren Alters in den 90ern.

Wie haben Sie das Material geschnitten?

Die Postproduction war unglaublich mühsam, zeitaufwendig und komplex. Nicht nur wegen des Ausmaßes der Produktion und des Umstandes, dass ich alles selbst machte, sondern auch aufgrund des primitiven Equipments, das es damals gab. Alle Szenen wurden linear aneinander geschnitten – mit zwei handelsüblichen VHS-Recordern. Was ich heute, digital am Computer, in wenigen Stunden machen könnte, dauerte damals mehrere Tage. Jede Figur wurde auf einer eigenen VHS-Kassette gedreht. Für eine Szene mit fünf Figuren beispielsweise musste ich also beim Überspielen immer wieder zwischen fünf Kassetten wechseln.

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Die Tonbearbeitung war ungleich schwieriger. Wenn ich ein Video einfügt, löschte das die Hi-Fi-Spur, während die normale Audiospur intakt blieb. Ich musste also ständig zwischen den Spuren wechseln. Ansonsten wäre der Dialog von Figur A abgebrochen, sobald die Reaktion von Figur B im Bild zu sehen ist. Wenn weitere Soundeffekte oder Musik benötigt wurden, fügte ich die mithilfe eines Kassettendecks ein, das ich während des Überspielens anschloss.

Auf Ihrer Website werden mehrere Drehbücher genannt. Wann sind die entstanden?

Ich habe Scripts für mehr als 25 abendfüllende Filme geschrieben zwischen 1985 und 2013. Sie umfassen viele unterschiedliche Genres, etwa Comedy, Drama, Sci-Fi, Noir, Paranormal-Thriller, Krimi-Drama und andere. Vier von ihnen haben männliche Hauptrollen, die ich selbst spielen wollte. Der Rest sollte mit anderen Schauspielern besetzt werden. Weil der One Man Showcase 1993/94 entstand, enthält er nur die Drehbücher, die ich vorher geschrieben habe.

Temporary Heroes ist eine Science-Fiction-Geschichte mit Elementen aus Humphrey-Bogart-Filmen. Worin besteht die Verbindung?

Ich war immer ein Fan der Hollywoodfilme der 1930er und 40er Jahre, speziell von Bogart. Einer meiner Lieblingsfilme ist Casablanca. Also entwickelte ich Temporary Heroes als eine Art Sci-Fi-Version davon. Die Geschichte spielt auf einem neuralen Planeten, von dem Flüchtlinge versuchen zu fliehen, weil eine Invasion droht im Zuge eines interstellaren Krieges. Deshalb gibt es viele schillernde Figuren aus vielen verschiedenen Welten und die Atmosphäre erinnert stark an Casablanca.

Die Hauptfigur ist – ähnlich wie Bogarts Rick – ein Mann, der plötzlich gezwungen ist, sich für eine Seite zu entscheiden, obwohl er unpolitisch bleiben wollte. Er ist jedoch kein Nachtclubbesitzer, sondern ein Pilot, der sein Raumschiff an Schmuggler vermietet. Das ist die Verbindung zu einem anderen Bogart-Film: To Have or Have Not, in dem er einen Bootskapitän spielt. Die weibliche Hauptrolle basiert auf Lauren Bacalls Figur in diesem Film. Ich schrieb Temporary Heroes 1989 als alleinstehenden Film, aber dann schrieb ich noch zwei Fortsetzungen, um eine Trilogie zu schaffen. Viele Szenen meines One Man Showcase stammen aus diesen Drehbüchern.


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Ihr aktuelles Projekt ist eine Spionagestory im Kalten Krieg: Absolutely Smashing. Worum geht es dabei?

Bei diesem Projekt handelt es sich eigentlich um eine sechsteilige Reihe, deren erster Teil Absolutely Smashing ist. Zuerst sollte es nur ein Film werden, aber ich wurde von der Inspiration überwältigt und schrieb weitere Teile. Das Projekt wurde zum Selbstläufer und entwickelte sich zu einem Franchise, das die gesamte Summe meiner kreativen Vision der vergangenen drei Jahrzehnte umfasst. Es ist eine Serie stylisher und intelligenter Spionagefilme, die Action, Abenteuer, Humor, Drama, Intrige und Romantik verbinden. Die Hauptfigur ist eine Popsängerin mit einem Doppelleben als Agentin, daher ist der Film auch eine Zeitreise in die Popkultur, Musik und Mode der 60er Jahre.

Ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, dieses Projekt Wirklichkeit werden zu lassen. Es ist sehr ambitioniert und hat durchaus Blockbuster- und Tentpole-Potenzial. Daraus lässt sich eine ganze Bandbreite von Spin-Off-Produkten und Tie-ins generieren, zum Beispiel Spielzeuge, Soundtrack-Alben oder eine Modekollektion. Die Hauptrolle könnte die Darstellerin zu einer Ikone machen, einer Audrey Hepburn unserer Zeit. Ebenso wie ihren weltgewandten, Cary-Grand-artigen Partner, der den Agenten spielt, der am Ende ihr Ehemann wird. Diese beiden Hauptfiguren bilden ein charmantes und auf klassische Weise hinreißendes Leinwandpaar. Einer der Handlungsbögen der sechs Filme ist die Entwicklung ihrer professionellen und persönlichen Partnerschaft.

Anfang 2015 bekundete ein Hollywood-Produzent Interesse daran, Absolutely Smashing mit internationaler Besetzung und einem Budget von 30 bis 40 Millionen zu realisieren. Leider verlief das im Sande und ich versuche immer noch, einen Produzenten oder ein Studio für das Projekt zu gewinnen. Da die Filmreihe in Locations in ganz Europa gedreht werden muss und die Hauptrollen mit britischen Talenten besetzten müssen, suche ich in erster Linie nach einer Produktionsfirma im Vereinigten Königreich. Es könnte aber auch als internationale oder paneuropäische Koproduktion gemacht werden, mit oder ohne Hollywood-Finanzierung.

Mehr zu Laz Rojas und ‚Absolutely Smashing‘ gibt es auf seiner Website und dem Facebook-Profil zu finden.

Alle Videos und Bilder: © Laz Rojas

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