Kresnik quält Pasolini: ‚Die 120 Tage von Sodom‘ an der Volksbühne

Johann Kresnik inszeniert „Die 120 Tage von Sodom“ an der Volksbühne als Aneinanderreihung von Klischees und Stereotypen. Das Stück brüllt den Zuschauer an, weil es ihm nichts zu sagen hat – ganz im Gegensatz zu Pasolinis gleichnamigem Film.

(Ersteröffentlicht am 7. Juni 2015)

In seinem Roman von 1785 lies der Marquis de Sade vier adlige Libertins eine gewalttätige Orgie feiern und beschrieb dabei eigentlich das Gegenteil eines Exzesses: die Ausschweifungen folgen strengen Regeln und einer genauen Choreografie. Ausführlich erklären die Herren ihre Weltanschauung und zeigen sich dabei als Anhänger einer verqueren Moral.

De Sades Wüstlinge gebieten über eine ausdifferenzierte Hausgemeinschaft, bestehend nicht nur aus Sexsklaven, sondern auch Erzählerinnen, Dienerinnen und sogar Küchenpersonal. Zwar stehen all diese Gruppen grundsätzlich dem Willen der Herren zur Verfügung, die eigentliche Regentin der Anordnung ist aber die Hausordnung, an die sich alle halten müssen.

Pier Paolo Pasolinis Film „Saló oder die 120 Tage von Sodom“ von 1975 verwirft die feudale Ordnung und verlegt das Geschehen in die Endphase des italienischen Faschismus. Als Sexualobjekte erleiden nun junge Erwachsene eine Vielzahl von Peinigungen, ihre homogene Gruppe steht stellvertretend für die Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts.

Die Verschwörer repräsentieren die politische und gesellschaftliche Elite, die ihre Wolllust nicht zum Selbstzweck auslebt. Es ist die Rache der Eltern an ihren Kindern, ein brutaler Initiationsritus. Mit sexueller Gewalt wird die rebellische Jugend zurück ins Glied prügelt, um die Ordnung wiederherzustellen. Tatsächlich sind die Wüstlinge auch hier konservative Moralisten.

Vierzig Jahre später versucht sich nun Johann Kresnik am Stoff und scheitert grandios. Das Publikum bekommt leicht konsumierbare Kost serviert, die Gesellschaftskritik bleibt im Schund stecken. Schwach, nicht zuletzt im Vergleich zu den hintergründigen und hochaktuellen Stücken, die René Pollesch am selben Haus inszeniert.

Das einzige wirklich Ausschweifende bei Kresniks 120 Tagen sind die ebenso end- wie sinnlos vor sich hin plärrenden Monologe aus der Feder Christoph Klimkes. Von „Konsumfaschismus“ über gierige Banker bis hin gar zu einer durch ‚die da oben‘ geplanten Bevölkerungsreduktion wird jedes noch so abgedroschene Stereotyp der verkürzten Kapitalismuskritik zitiert.


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Eine simple und etwas dümmliche Welt tut sich auf vor unseren gelangweilten Augen. In ihr darf es nur Unterdrücker und Unterdrückte, dazwischen aber gar nichts geben, vor allem keine Widersprüche. Das Publikum wird direkt angesprochen und mit den Sklaven auf der Bühne in eins gesetzt, kann sich aber mit diesen geistlosen Nebenfiguren gar nicht identifizieren.

Am Ende von Pasolinis Film betrachtet einer der Libertins die anderen beim Foltern und Massakrieren der Sklaven. Der Zuschauer sieht sich plötzlich selbst – den neugierigen Spanner, für den das ganze schreckliche Geschehen überhaupt aufgeführt wird. Im Finale wird somit ein Dreieck aus sadistischem Täter, masochistischem Opfer und Voyeur freigelegt.

Die Verstörung steigert sich im Epilog: Zwei der Wächter, die bislang nur als Schergen der Wüstlinge aufgetreten sind, tanzen vor einer Wand, an der moderne Kunstwerke hängen. Die Freude der jungen Männer, der zärtliche und kultivierte Umgang miteinander steht im scharfen Kontrast zu dem eben gesehenen Grauen.

Kresnik stellt das Böse als perverse Lust einzelner Individuen dar und bedient damit das Ressentiment. Die da oben, die sind eben so. Pasolini hingegen verwehrt dem Zuschauer die Möglichkeit des Rückzugs auf eine derartig bequeme Position und konfrontiert ihn mit seiner eigenen Komplizenschaft am Geschehen.

Pasolini am Grab des marxistischen Revolutionärs Antonio Gramsci, etwa 1970
Pasolini am Grab des marxistischen Revolutionärs Antonio Gramsci, etwa 1970 (Courtesy Wikicommons)

Bild oben: Flickr | Jim Champion | CC 2.0