Kommentar: Der Pegida-Galgen ist egal!

Die mediale und öffentliche Empörung ist groß angesichts eines selbstgebauten Galgens, mit dem ein Demonstrant zum Mord an Politikern aufrief. Aber die groteske Meinungsäußerung hat eigentlich keine Bedeutung. Ein Kommentar.

Ein Pegida-Demonstrant hat einen Galgen gebastelt und Wunschzettel daran befestigt, um zum Ausdruck zu bringen, dass er Angela Merkel und „Siegmar Gabriel“ (Rechtschreibung im Original) am liebsten tot sähe. Medien und Behörden lassen sich auf das Spiel des Provokateurs ein, ihre Empörung erhebt die wenig anspruchsvolle Skulptur eines Hobbyhandwerkers, dessen Ansichten bislang – vollkommen zurecht – niemanden interessierten, in den Status einer Ikone. Der Staatsanwalt leitete bereits ein Ermittlungsverfahren wegen des öffentlichen Aufrufs zu Straftaten ein. Eine unsinnige Aufregung. Es ist vollkommen Wurst, ob in Dresden Galgen gezeigt werden oder nicht.

In seinem Buch „Phänomene der Macht“ beschreibt der Soziologe Heinrich Popitz eine fiktive Szene auf dem Sonnendeck eines Kreuzfahrtschiffs. Es gibt nur eine begrenzte Zahl von Liegestühlen und die Passagiere wechseln einander in deren Nutzung ab, je nach Zufall, Laune und Gelegenheit. Doch bei einem Zwischenstopp betritt eine neue Gruppe das Deck, deren Mitglieder sich die Hoheit über die Liegen sichern. Sie koordinieren sich untereinander, nehmen ihre Sonnenbäder schichtweise. Und sie treten für einander ein, setzen den Anspruch anderer Mitglieder auch in deren Abwesenheit gegen Außenstehende durch. Die Passagiere sind nun effektiv geteilt in zwei Klassen.


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Dieses Verhalten lässt sich jedoch nicht nur auf Kreuzfahrtschiffen und an mediterranen Hotelpools beobachten, sondern es steht, laut Popitz, idealtypisch für eine effektive Strategie der Machtdurchsetzung, die es Minderheiten erlaubt, Mehrheiten zu dominieren. Die Angehörigen der in-group sichern ihre eroberten Privilegien durch eine latente Bedrohung der Anderen. Sie sind motiviert, denn sie wollen ihre Vorteile nicht verlieren. Die Ausgeschlossenen hingegen können nicht wissen, was ihnen eine Rebellion gegen diese neue Ordnung brächte. Selbst wenn es gelänge, die Liegestühle zurückzuerobern, würden die gerecht unter den Siegern verteilt werden?

George Orwells berühmte Fabel „Farm der Tiere“ und zahllose Beispiele aus der realen Geschichte deuten eher auf die Wahrscheinlichkeit des Gegenteils hin. Gewalt entstehe nicht aus Ideen, sondern aus Situationen, behauptet der Historiker Jörg Barberowski in seinem aktuellen Buch „Räume der Gewalt“. Im Bewusstsein, damit eine kontroverse Ansicht zu vertreten, verwirft er die Vorstellung vom zivilisatorischen Fortschritt, der die Gewalt als Relikt vormoderner Verhältnisse einordnet. Der mitteleuropäische Mensch des Jahres 2015 sei ebenso wie jeder andere vor ihm fähig, die abscheulichsten Verbrechen zu begehen, wenn die Situation es seiner Ansicht nach erfordere.

Die Gewaltfantasien der Pegida-Anhänger und Hass-Botschaften im Internet verstören uns, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass es heute in Europa noch Leute gibt, die so denken und fühlen. Steckt darin nicht der trügerische Glaube, unser „menschliches“ Wesen sei es, dass uns unterscheide von Mördern und Banditen? Dass es nicht die vergleichsweise gesicherten Verhältnisse sind, in denen wir leben, die dafür sorgen, dass aus einem Miniatur-Galgen auf einer Demonstration kein echter auf einem Marktplatz wird. Gefährlich sind nicht die grotesken Ideen und bizarren politischen Forderungen der Pegida-Anhänger. Dass sie vom Liegestuhl träumen, steht außer Frage, nur bekommen dürfen sie ihn nicht. Pubertäre Fantasien sollten einen Staatsanwalt nicht zu sehr beschäftigen. Zumindest nicht, solange es reale Gewalttaten gibt.

Foto oben: Exekution durch SS-Truppen im besetzten Polen,
Fotograf unbekannt (Public Domain)