Jessica Jones: Superheldin der #MeeToo-Ära

Die zweite Staffel der Serie Jessica Jones ist jetzt bei Netflix zu sehen. Die Comic-Adaption passt perfekt in eine Gesellschaft, die von #MeeToo nachhaltig verändert wurde.

Jessica Jones ist ein Underdog. Sie verfügt über besondere Kräfte, aber die sind eher eine Last als ein Segen. Jessica (Krysten Ritter) kann hat hart zuschlagen und auch weit springen. Zum Fliegen reicht es aber nicht. Das ist nicht genug, um in New York als echte Superheldin durchzugehen. Deshalb verdient sie ihren Lebensunterhalt als Privatdetektivin. Mit der Fotokamera späht sie in Schlafzimmer, um arme Teufel des Ehebruchs zu überführen. Jessica Jones beobachtet das Leben der Menschen von außen, unbeteiligt. Ihr eigenes Leben verbringt sie am Tresen schäbiger Bars, mit einem Glas Bourbon als Gesellschaft.

Die erste Staffel von 2015 stellte das Trauma und die Verletzung der Hauptfigur ins Zentrum der Erzählung. Die Protagonistin kämpfte gegen den manipulativen Sadisten Killgrave (David Tennant). Der hatte sie in der Vergangenheit vergewaltigt und zu einem Mord gezwungen. Im Finale tötete sie ihn. Das brachte Jessica den Ruf einer gefährlichen Gewalttäterin ein. Und das ist auch nicht ganz falsch. In einer Folge der aktuellen Staffel wird die Detektivin von einem Gericht zu einem Aggressions-Bewältigungskurs verurteilt. Dort soll sie über ihre persönlichen Probleme sprechen, und dabei einen kleinen Gummiball gegen eine Wand werfen. Spoiler: Es geht nicht gut aus für den Ball. Jessica Jones ist wütend. Genau deshalb passt sie in unsere Zeit.

Die Vorlage: eine ungewöhnliche Graphic Novel

Die Serien-Handlung basiert nur lose auf der Comic-Vorlage. Die erschien zwischen 2001 und 2004 unter dem Titel Alias bei Marvel. Der traditionsreiche Verlag hatte damals gerade eine Sparte explizit für Erwachsene eingeführt. Bereits auf der ersten Seite brach Alias mit einer Branchen-Konvention. „Fuck!“, brüllt ein wütender Klient in Jessicas Büro. Obszöne Worte waren in Comics bisher undenkbar gewesen. Denn seit 1954 hatten sich die US-Verlage an ein Regelwerk namens „Comics Code Authority“ gehalten. Um die Jahrtausendwende war diese Selbstzensur aber nicht mehr zeitgemäß. Viele der neuen Graphic Novels zeigten eine raue Welt, ähnlich wie populäre TV-Serien wie The Sopranos im Pay-TV.

Neuartig war aber auch die Perspektive der Comic-Erzählung. Maskierte Superhelden stellen in Alias zwar weiterhin wichtige Bezugspunkte der Handlung dar. Sie werden jedoch aus dem Blickwinkel einer Außenseiterin gezeigt. Figuren wie Captain America oder die Avengers retten jeden Tag aufs Neue die Welt. Sie arbeiten in eleganten Bürotürmen und Luxusvillen, unerreichbar für normale Menschen. Eine gescheiterte Heldin wie Jessica kann froh sein, wenn sie einen Termin bekommt. Ein bitterer Kommentar zum Mythos des American Dream. Alias nutzte gängige Klischees des Film Noir. Mit einem – nicht uwesentlichen – Unterschied: Der zynische, trinkende Detektiv ist eine Frau.

Jessica Jones: Superheldin der #MeeToo-Ära

Die Netflix-Adaption zeigt sich in der Ästhetik weniger düster als die Graphic Novel. Von der Noir-Atmosphäre bleibt nur eine Nuance. Die meisten Bilder sind farbenfroh arrangiert wie in anderen Streaming-Serien. Die Kameraführung setzt – abgesehen von wenigen Ausnahmen – auf konventionelle Einstellungen. Jessicas Selbstzweifel werden in Form von Zwiegesprächen mit dem Geist ihres toten Widersachers Killgrave gezeigt. Ein Kniff, der seit dem Erfolg von Dexter in kaum einer Serie fehlt. Außergewöhnlich ist Jessica Jones eher auf der inhaltlichen Ebene. Die Dialoge sind mit zahlreichen politischen Anspielungen gespickt. Die Serie gilt weithin als feministisch – und die Produzenten pflegen dieses Image sehr bewusst.

Jessicas Freundin und Adoptivschwester Trish Walker (Rachael Taylor) beispielsweise konfrontiert einen Regisseur, der sie als jugendliche Schauspielerin missbraucht hat. Diese Nebenhandlung ist besonders bemerkenswert. Denn sie scheint eine Reminiszenz an die #MeeToo-Bewegung zu sein. Doch die Dreharbeiten waren bereits abgeschlossen, als der Skandal um Harvey Weinstein im Oktober 2017 eine Debatte um Sexismus in Hollywood auslöste. Jessica Jones ist nicht auf den Zug aufgesprungen, sie läuft ihm voraus. Auch und gerade hinter den Kulissen: Jede einzelne Folgen der zweiten Staffel wurden von einer weiblichen Regisseurin inszeniert. Die Produktion ist gerade deshalb so erfolgreich, weil sie sich klar positioniert.

Leider mäandert die Handlung der zweiten Staffel ein wenig, mitunter verliert sie sich in unwichtigen Nebenplots. Doch das tut der Faszination der Erzählung kaum Abbruch. Denn die Figuren überzeugen durch eine für das Genre ungewöhnliche Widersprüchlichkeit und Diversität. Das Ergebnis ist exzellente Popkultur.

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Foto: David Giesbrecht/Netflix