Im Schutzkeller mit Nikita Kadan

Für Nikita Kadan, der in Kiew lebt und arbeitet, lassen sich Kunst und gesellschaftliches Engagement nicht voneinander trennen. Seine Arbeiten wurden zuletzt auf den Biennalen in Venedig und Istanbul gezeigt.

Die Menschen schauen teilnahmslos, so als würde all das gar nicht mit ihnen selbst geschehen. Ihre apathischen Gesichter, angelehnt an die Illustrationen in sowjetischen Medizinbüchern, schauen uns von Tellern entgegen. „Procedure Room“ von Nikita Kadan, entstanden 2009-2010, zeigt die berüchtigten Foltermethoden der ukrainischen Polizei während der Amtszeit von Wiktor Janukowytsch. Folter gehörte zum Alltag, wie das tägliche Essen. Man nahm es so hin.

Fotos: © Nikita Kadan

Die Tortur verletzt, verstört und verängstigt. Sie entfaltet ihre volle Wirkung, wenn sie unsichtbar ist und doch allgegenwärtig. Wenn niemand über sie spricht, obwohl jeder an sie denkt. Die schweigende Mehrheit, fragmentiert und zurückgezogen ins Private, ermöglicht es den Tätern, ihr grausames Handwerk zu verrichten. Als Teil von „Procedure Room“ wurden Plakate auf den Straßen Kiews verklebt. Auf ihnen wurden die Motive ergänzt um Texte eines Email-Dialogs zwischen Nikita Kadan und Kateryna Mischenko.

2014 griff Kadan mit der Installation „Hold The Thought Where The Conversation Was Interrupted” die Zerstörung eines Regionalmuseums im Donbas thematisch auf. Die Verschlafenheit der post-sowjetischen Peripherie wird brutal erschüttert durch den Einschlag eines Artilleriegeschosses. Die Explosion reißt zugleich eine klaffende Lücke in die heroische Imagination des gerechten Kampfes, den Pathos des glanzvollen Sieges, wie er in unzähligen Denkmälern für den „Großen Vaterländischen Krieg“ konserviert ist.

Fotos: © Pinchuk Art Center

Vorsichtige Hoffnung spricht aus der Installation „The Shelter”, die auf der Biennale in Istanbul gezeigt wurde. Auch sie besteht aus zwei Ebenen, hier getrennt durch eine horizontale Begrenzung. Im oberen Teil: Spuren der Gewalt, Barrikaden aus Reifen, eine zerbombte Decke. Erneut greift Kadan auf das Bild des durch Beschuss zerstörten Heimatmuseums in Donezk zurück. In dem Ereignis sieht er nach eigener Aussage einen Schlüssel zum Verständnis der aktuellen Situation in der postsowjetischen Welt.

Darunter ein niedriger Keller, ein Schutzraum, in dem Etagenbetten stehen. „In ähnlichen Kellern verstecken sich die Menschen im Kriegsgebiet seit Monaten vor Raketenangriffen“, schreibt mir Kadan per Email. „Die Metallbetten sind bedeckt mit Schwarzerde. Darin wächst Sellerie, ein großes Wurzelgemüse, das dem menschlichen Kopf ähnelt.“

In der Sowjetunion galten die modernen Künstler des Westens als dekadente Egozentriker ohne soziales Gewissen und Verantwortungsgefühl. Nikita Kadan, dessen eigenes Werk so fest mit dem politschem Denken und Handeln verbunden ist, gibt paradoxerweise zu, dass ihn diese stereotype Darstellung in seiner Jugend sehr fasziniert hat:

„Das Einzige, was ich Mitte der 1990er Jahre in den Kiewer Bibliotheken an Veröffentlichungen über westliche moderne Kunst finden konnte, waren die anti-modernistischen Bücher aus der Sowjetunion. Das Bild des westlichen Künstlers, wie ihn die sowjetische Kritik zeigte – als ‚bad guy‘, geprägt von starker Motivation und einer hohen Resistenz gegen öffentlichen Druck – das war für mich tatsächlich ein Leitbild, als ich die ersten Schritte meines Weges ging. Natürlich weiß ich, dass es sich dabei um ein groteskes Konstrukt handelt. Aber es deutet auf einige ungelöste Fragen des 20. Jahrhunderts hin.“