“Homeland ist rassistisch”: Wer steckt hinter dem Grafitti-Hack?

“Homeland ist keine Serie” und eine Reihe anderer Slogans waren zu sehen, als die Ex-CIA-Agentin Carrie Mathison vergangenen Sonntag durch ein Flüchtlingslager geführt wurde. Verantwortlich sind arabischstämmige Künstler und Aktivisten.

Eine offenbar spontan gegründete Künstlergruppe hatte das Set der Showtime-Serie „Homeland“ mit Slogans besprüht, um gegen angeblichen Rassismus in der Darstellung des Nahen Ostens und Pakistans protestieren. Den Fernsehmachern, die für den Realismus ihrer Produktion mehrere Preise bekommen haben, ist die Intervention nicht aufgefallen – weil sie kein Arabisch lesen können. Die Aktion konfrontiert die westliche Unterhaltungsindustrie mit ihrer Ignoranz gegenüber  Kulturen, die sie als „das Fremde“ konstruiert.

"Homeland ist keine Serie". Copyright: Arabian Street Artists / Heba Y. Amin
“Homeland ist keine Serie”. Copyright: Arabian Street Artists / Heba Y. Amin

In einer Erklärung, die gestern auf der Website der ägyptischen Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin Heba Y. Amin veröffentlicht wurde, wird der Serie vorgeworfen, in ihrem inzwischen fünf Staffeln umfassenden Narrativ eine Dichotomie aufzubauen, die hauptsächlich weiße, US-amerikanische Heldenfiguren und hinterhältige, rückständige Muslime gegenüberstellt. Diese Kritik an dem von Fox 21 für Showtime produzierten Format ist keineswegs neu, sie wurde bereits mehrfach geäußert, unter anderem von dem Politologen Joseph Massad.

Ein arabischer Street-Artist sei beauftragt worden, das Serien-Set durch ein paar Sprühereien realistischer zu gestalten, heißt es in der Erklärung. Der habe sich an Freunde und Bekannte gewandt und so sei die Idee zu der Aktion entstanden, die bereits im Sommer in Babelsberg durchgeführt wurde. Als Vorlage seien den Sprayern Pro-Assad-Graffiti vorgelegt worden, weil die Produzenten es offenbar für plausibel hielten, dass solche Motive in einem Flüchtlingslager häufig anzutreffen seien. Eine seltsame Vorstellung, sind doch die Fassbomben des Regimes eine der hauptsächlichen Fluchtursachen.

"Freiheit... jetzt in 3D" Copyright: Arabian Street Artists / Heba Y. Amin
“Freiheit… jetzt in 3D” Copyright: Arabian Street Artists / Heba Y. Amin
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Wer steckt nun dahinter? Angefangen hatte es mit einem Anruf der Produktionsfirma bei dem Sprayer Stone aka Don Karl. Der hatte 2014 als Mitherausgeber des Buches “Walls of Freedom” die Street Art der ägyptischen Protestbewegung dokumentiert. Die Film-Crew hielt ihn für einen geeigneten Partner wegen seiner zahlreichen Kontakte in der Szene, sagte Stone gegenüber Deutschlandradio Kultur. Statt jedoch ein paar “Arabian Street Artists” zu vermitteln, die für etwas orientralische Dekoration sorgen würden, kontaktierte er seine Freunde: politische Aktivisten, die die ihrer Ansicht nach stereotype Darstellung von Arabern in dem TV-Format ablehnen und unbemerkt die subversive Aktion durchführten.

Auch der beteiligte Grafikkünstler Caram Kapp hat bereits mehrfach den „Arabischen Frühling“ thematisiert, unter anderem in seinem Blog. Nicht zuletzt hat sich Heba Y. Amin, die in Berlin und Kairo lebt, in dem experimentellen Dokumentations-Projekt „Speak2Tweet“ mit der Wirkung sozialer Medien in den arabischen Aufständen befasst, speziell in den Protesten, die die Herrschaft des ägyptischen Diktators Hosni Mubarak beendeten. Ihre Arbeiten wurden im vergangenen Jahr unter anderem auf dem „Forum Expanded“ der Berlinale und der Konferenz „re-publica“ gezeigt. Momentan hat Amin eine Gastprofessur an der American University in Kairo inne.


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Die letztlich angebrachten Schriftzüge reichen von Absurditäten wie Alkoholwerbung an einem Falafelstand über diverse politische Zitate bis zu direkten Attacken auf die Serie „Homeland“. Erst jetzt, nachdem die Künstler die Übersetzungen selbst öffentlich gemacht haben, flog der Schwindel auf. Auch in der Post-Production hat also offenbar niemand mitgewirkt, der zumindest über elementare Arabisch-Kenntnisse verfügt! Das dürfte dem Ruf der Serie als ‚realistische‘ TV-Unterhaltung nachhaltig schaden. Sie steht nun umso stärker im Verdacht, postkoloniale Schauermärchen zu erzählen.

Den Kunst-Aktivisten jedenfalls ist ein Coup gelungen, denn nicht zuletzt aus Schadenfreude berichten die Massenmedien eifrig über die raffinierte Aktion. Der Homeland-Erfinder Alex Gansa brachte inzwischen gegenüber der Website deadline.com seine Bewunderung für die Aktion zu Ausdruck und gab zu: “Wir wünschten uns, diese Bilder vor der Ausstrahlung entdeckt zu haben.” Etwas anderes, als eine gute Miene zu machen, bleibt ihm wohl auch nicht übrig.

Foto oben: Screenshot YouTube. Copyright: Homeland