Hohepriester der Apokalypse – der unwahrscheinliche Aufstieg des Alexander Dugin

Wenn wir an Dissidenten in der Sowjetunion denken, dann zumeist an Menschenrechtler wie den Friedensnobelpreisträger Andrei Sacharow, vielleicht auch Konservative wie Alexander Solschenizyn. Rechtsradikale Mystiker hingegen wären wohl eher nicht die erste Assoziation. Allerdings gab es einen okkultistischen und antisemitischen Underground im Moskau der 1970/80er Jahre. Einige von dessen damaligen Protagonisten haben heute politischen Einfluss in Russland.

Erstveröffentlichung: Februar 2015

Ein konspirativer Kreis traf sich beispielsweise regelmäßig in der Wohnung des Mystikers und Fantasy-Autoren Yuri Mamleew. Die Mitglieder bezeichneten sich selbst bescheiden als Schwarzer Orden der SS. 1975 wurde der Anführer Mamleew von den Behörden ins Exil gezwungen. Vor Ort hatte nun der Poet und Philosoph Evgenij Golowin das Sagen, der sich konsequenterweise von seinen Leuten als Reichsführer SS anreden ließ [1]. Ein russischer Journalist beschreibt die Gruppe folgendermaßen:

In der Južinskij-Gasse wurde ein knallharter Cocktail aus Kabbala, schwarzer Magie, den Lehren der Stoiker und Pythagoräer, der mittelalterlichen Alchimistik und der Okkultisten gepredigt. Die metaphysischen Dispute der Esoteriker wurden ständig von grandiosen Saufereien begleitet, die für die eifrigsten Adepten mit weißem Fieber, mit der Einlieferung in eine Klapsmühle oder einer Keilerei endeten. Besonders geehrt wurden wahnsinnige Experimente mit sich selbst. Es hieß, dass der kürzeste Weg zum Göttlichen begangen wird, wenn man alles Menschliche in sich überwindet. Um ‚sich selbst so tief wie möglich zu erkennen‘, krochen die Neophyten Mamleevs auf allen Vieren um das Puschkin-Denkmal herum und fletschten ihre Zähne nach Hundeart, wobei sie mit ihrem Gebell die unaufgeklärten Sowjetbürger erschreckten. [2]

Ob es sich nun exakt so zugetragen hat oder nicht… Wir ahnen, dass diese Herren in einer recht eigenwilligen Gedankenwelt lebten. Ende der 1970er Jahre wurde ein junger Mann in den Zirkel eingeführt, der kurz zuvor vom Staatlichen Luftfahrtinstitut exmatrikuliert  worden war, angeblich wegen des Singens staatsfeindlicher Lieder. Alexander Dugin fiel sofort positiv auf, indem er das Buch „Heidnischer Imperialismus“ des italienischen Kulturpessimisten Julius Evola ins Russische übersetzte.

Bereits vor dem endgültigen Zusammenbruch der UdSSR entbrannte in Russland ein Kampf darum, welche Weltanschauung den diskreditierten Kommunismus beerben würde, als Stütze der nationalen Identität, aber auch als Legitimation für den imperialen Anspruch Russlands [3]. Damit schlug die Stunde der Welterklärer und schrägen Ideen. 1989 begann der Golowin-Kreis, eine Zeitschrift herauszugeben, um seine traditionalistischen und esoterischen Ansichten zu propagieren.

Vermutlich war es der Exilant Mamleew, der in Paris den Kontakt zur westlichen ‚Neuen Rechten‘ herstellte. 1989 reiste Dugin durch Westeuropa und traf dort mit führenden Vertretern wie Alain de Benoist, Jean-Francois Thiriart und Claudio Mutti zusammen. 1991 wurde Dugin Redakteur der Zeitschrift „Den (dt. Der Tag, später „Sawtra“, dt. Morgen), die sich in den folgenden Jahren zu einer der einflussreichsten ultranationalistischen Publikationen des Landes entwickeln sollte [4].

Flickr | Brian Jeffery Beggerly | CC 2.0
(Flickr | Brian Jeffery Beggerly | CC 2.0)

 

Auf Tuchfühlung mit den Kommunisten

Nach dem gescheiterten Putsch von 1991 [5] kam Dugin – womöglich über den Den/Sawtra-Chefredakteur Alexander Prochanow – in Kontakt mit führenden Vertretern der Kommunistischen Partei. Dugin selbst beschreibt die Begegnung elf Jahre später:

Zjuganov war damals ein namhafter Parteibeamter mit konservativen Sympathien (die bei ihm Reformfeindlichkeit bedeuteten). Er sprach keine Ideen aus, fühlte sich selbst hinreichend ruhig und sicher. Ein typischer sowjetischer Apparatschik ohne besondere Charakterzüge. Sein Selbstgefühl änderte sich abrupt nach dem Putsch. Nun saß er mit besorgtem Gesicht im Empfangsraum der Zeitung „Den“, seine Ruhe war durch den unangenehmen Schatten einer ungewissen Zukunft erschüttert. […] Prochanov, Ästhet der postsowjetischen Zersetzung, Teilnehmer des schizoiden Zirkels in der Južinskij-Gasse, wählte den triumphierenden, übermäßigen Dienst am späten Sowjetismus, wurde zum Sänger der Brežnev-Periode, doch etwas von der Južinskij-Gasse ist immer in ihm geblieben. […] In dieser Zeit – seit 1991 – beginnen die intensiven Kontakte Prochanovs und Zjuganovs mit dem Autor dieser Zeilen. [6]

Natürlich ist auch hier fraglich, ob es sich tatsächlich genau so ereignet hat. Schließlich neigt Dugin dazu, alle möglichen Behauptungen in die Welt zu setzen, um sich selbst und alles um ihn herum in die Nebel des Mysteriösen zu tauchen.

Fest steht jedoch, dass er im August 1992 den belgischen Rechtsintellektuellen Jean-François Thiriart in Moskau empfing und dass sich die beiden mit besagtem Sjuganow und Jegor Ligatschow trafen, also zwei führenden Kadern der Kommunistischen Partei Russlands [7]. Letztlich dürfte Dugin einer von mehreren Intellektuellen gewesen sein, die den Kurs der Partei in jene nationalistische und russophile Richtung lenkten, für die ihr heutiger Vorsitzender Gennadi Sjuganow steht [8].

 

Gute Zeiten für radikale Randfiguren

Gemeinsam mit dem Schriftsteller Eduard Limonow gründete Dugin die Nationalbolschewistische Partei, deren Ideologie im Wesentlichen deutschen Vorbildern wie Ernst Niekisch oder Denkern der ‚Konservativen Revolution‘ wie Oswald Spengler folgte. Für den ambitionierten Dugin nur eine vorübergehende Phase, denn er drängte nach oben, wollte aus der radikalen Subkultur ausbrechen und endlich Anerkennung im Establishment finden [9].


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In seinem Verlag „Arktogaja“ publizierte der Vielschreiber ab 1991 diverse Bücher und die Zeitschrift „Elementy“, in der neben Interviews und Artikeln prominenter russischer Nationalisten auch Texte westlicher Rechtsradikaler erschienen. Bereits der Name deutet auf ihr Vorbild hin: das neurechte Magazin „Éléments des Franzosen Alain der Benoist, mit dessen Thinktank GRECE Dugin auch weiter zusammenarbeitete, als die beiden Exzentriker sich kurz darauf persönlich zerstritten [10].

Das plötzliche Ende der UdSSR wurde bereits zu Beginn der 1990er Jahre von zahlreichen Vertretern der russischen Elite als Werk finsterer Mächte ausgelegt, nicht als Zusammenbruch aus strukturellen Gründen. Kulturpessimismus und Verschwörungstheorien ersetzten den Fortschrittsglauben der Kommunisten. Diese Melange aus Untergangsstimmung und Revanchefantasien erzeugte in den Kreisen der Enttäuschten eine Stimmung vergleichbar der im Deutschland der Weimarer Republik [11].

Ultranationalistische Großdemonstration "Russischer Marsch" 2012 in Moskau (Flickr | RiMarkin | CC 2.0)
Ultranationalistische Großdemonstration “Russischer Marsch” 2012 in Moskau (Flickr | RiMarkin | CC 2.0)

 

Eine fast vergessene Ideologie

Alexander Dugin verstärkte unterdessen seine Bemühungen, im politischen Mainstream Fuß zu fassen. Offen positive Bezüge auf den Faschismus traten im Laufe der 1990er Jahre in den Hintergrund.  Sie wurden ersetzt durch den von ihm erfundenen ‚Neoeurasismus‘, mit dem er sich auf eine antiwestliche Weltanschauung bezog, die von einer kleinen Gruppe russischer Exilanten vertreten wurde, die sich zwischen den Weltkriegen in Deutschland aufgehalten hatte [12].

Die Eurasier sahen sich selbst als weder links noch rechts, sondern als Vertreter einer ‚dritten‘ Position. Die liberale Demokratie hielten sie für ein zum Scheitern verurteiltes Konzept, denn im Gebot der Toleranz sahen sie einen Ausdruck von Schwäche. Sie lehnten den Universalismus des Westens ab und sahen in ihm einen Versuch, die Welt zu unterjochen. Stattdessen forderten sie einen starken, autoritären und interventionistischen Staat [13].

In diesen Punkten stimmt auch Dugin mit ihnen überein. Abgesehen davon weicht seine Ideologie aber stark vom klassischen Eurasismus ab. Denn paradoxerweise basiert das antiwestliche Denken des Elementy-Kreises vor allem auf Autoren aus Westeuropa. Wenn Dugin die klassischen Eurasier interpretiert, dann durch die Augen beispielsweise des Geopolitikers Carl Schmitt [14], der Esoteriker Jean Parvulesco, Julius Evola, René Guénon oder Aleister Crowley, ferner Friedrich Nietzsches u.a. [15].

 

Ein krudes Theoriegebäude

Im neoeurasischen Weltbild stehen sich zwei unversöhnliche Pole gegenüber: Die der Tradition und dem Boden verpflichteten ‚Landmächte‘ und die nomadischen ‚Seemächte‘. Erstere sind gleichbedeutend mit den Eurasiern, die ihre Wurzeln im mythischen Land Hyperborea aus der griechischen Mythologie haben. In der Geschichte wurden sie von militärisch geprägten Kulturen wie Rom oder Sparta repräsentiert, heute verkörpert Russland ihre Speerspitze.

 

Auf der anderen Seite des ewigen Wettstreits stehen die Atlantiker – umher ziehende Seefahrerkulturen, deren Ursprung in Atlantis liegt. Phönizien und Karthago waren atlantische Mächte, heute werden sie von den USA angeführt. Während im eurasischen Lager das Prinzip des Kämpfers vorherrscht, wird das atlantische Prinzip durch den Händler verkörpert. Er folgt dem marktliberalen Kapitalismus, seine offene Gesellschaft verbreitet Unordnung und Chaos in der Welt.

Okkulte Orden von Verschwörern auf beiden Seiten führen im Verborgenen einen schicksalshaften Krieg gegeneinander – seit Jahrtausenden bereits – dessen finale Etappe momentan anbricht. In unserer Zeit entscheidet sich der apokalyptische Endkampf. Beide Blöcke mobilisieren alle verfügbaren Kräfte. Russland muss sich nun erheben, eine nationale Wiedergeburt einleiten, die Atlantiker vernichten und einen ‚Neuen Sozialismus‘ auf der ganzen Welt errichten [16].

Unglaublich, aber so steht es geschrieben…

 

Marsch durch die Institutionen

Der Autodidakt Alexander Dugin promovierte im Jahr 2000 an einer Universität im Nordkaukasus. Das ist einerseits erstaunlich, weil er ja eigentlich in Moskau lebte und außerdem gar nicht über den erforderlichen Schulabschluss verfügte. Andererseits verwundert es weniger, wenn man beachtet, dass das Promotionsverfahren von Mitarbeitern des Philosophieprofessoren Alexander Panarin ‚überwacht‘ wurde, die extra deshalb von der Moskauer Lomonossow-Universität angereist waren.

Panarin, ursprünglich ein Liberaler, hatte sich – enttäuscht von den Wirren der Jelzin-Jahre – dem ‚Neoeurasismus‘ zugewandt und diverse neurechte Bücher veröffentlicht [17]. Auch als Dugin 2004 in Rostow am Don habilitiert wurde, war die Moskauer Hochschule mit der Leitung des Verfahrens betraut. Ab 2006 lehrte Dugin dann selbst an der Lomonossow-Universität [18]. 2008 erhielt er einen Lehrstuhl an dieser ehrwürdigen Anstalt [19], den er 2014 wegen kontroverser Aussagen zur Ukraine verlor.

Die Aktivitäten des exzentrischen Professors beschränken sich jedoch nicht auf Russland. Anfang 2013 hielt er einen Vortrag an der Universität Piräus in Griechenland, wo Nikos Kotzias zu diesem Zeitpunkt Politische Theorie lehrte, der neue griechische Außenminister. Letztes Jahr sprach Dugin auf einer Geheimkonferenz in Wien vor FPÖ-Anhängern. Am 7. März 2015 ist er als Redner einer Tagung der neurechten Zeitschrift „Zuerst!“ (ehemals „Nation & Europa“) in Deutschland angekündigt.

Moskauer Lomonossow-Universität (Flickr | Angie Chung | CC 2.0)
Moskauer Lomonossow-Universität (Flickr | Angie Chung | CC 2.0)

 

Der Geopolitiker

Dugins Buch „Grundlagen der Geopolitik“ ist seit 1997 in vier Auflagen auf Russisch erschienen [20]. In ihm legt er dar, dass Russland dazu bestimmt sei, die Menschheit vom Globalismus zu erlösen, damit das „Neue geopolitische Evangelium“ entstehen kann. Es wurde von Generalleutnant Nikolaj Klotkotow wissenschaftlich betreut, dem Inhaber des Lehrstuhls für Strategie an der Militärakademie des Generalstabs. Dort wird es heute als Lehrbuch in der Offiziersausbildung verwendet [21].

 

Pseudowissenschaftliche Geopolitik und unverhohlener Revanchismus stehen seit einigen Jahren hoch im Kurs in Russland [22]. In diesem politischen Treibhausklima konnten sich – weitgehend unbemerkt vom Westen – radikale Außenseiter in gefeierte Höflinge verwandeln. Alexander Prochanow etwa, der Chefredakteur von Den bzw. Sawtra, leitet mittlerweile den kremlnahen Think-Tank Isborsk-Klub, in dem neben Dugin eine ganze Reihe rechter Intellektueller aktiv sind.

Antiliberale Intellektuellenzirkel wie der Isborsk-Klub werden vom russischen Staat massiv gefördert. Dennoch treten die Mitglieder nach dem Prinzip der Polittechnologie als unabhängige Akteure auf. Während sich die meisten Publikationen eher an ein (pseudo-)akademisches Milieu richten, sprechen ihre TV-Auftritte das Massenpublikum an. Die Aktivitäten von Männern wie Dugin, Prochanow und diversen anderen haben das politische Spektrum Russlands deutlich nach rechts verschoben[23].

 

Alter Wahn in neuen Schläuchen

Der von Dugin verehrte rechtsradikale Esoteriker Julius Evola forderte nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, es müsse im Stillen eine spirituelle Umgebung geschaffen werden, in der sich eine neue autoritäre Ordnung entwickeln könne [24]. Das Konzept erinnert nicht zufällig an das der ‚Kulturellen Hegemonie‘ des italienischen Marxisten Antonio Gramsci, an dem sich auch Dugins einstiges Vorbild Alain de Benoist orientiert. Es scheint, als bleibe diese Strategie nicht ohne Erfolg.

Natürlich steht außer Frage, dass auch westliche Geopolitikschulen wie etwa die US-amerikanische Monroe-Doktrin der Logik der Macht geschuldet sind. Die neurechten Ideologen Russlands gehen jedoch gehen weit darüber hinaus und resakralisieren die Weltpolitik. Sie führen die Macht zurück in den Mythus, die Nebel des Irrationalen [25].

Damit entziehen sie sich jedem logischen Argument, als hätte es die Aufklärung nie gegeben, und stellen so den Vernunftbegriff insgesamt zur Disposition.

 

Der Wahnsinn hat Methode

In den obskur-esoterischen Schriften Dugins mischen sich der Größenwahn und die Weltmachtträumereien der ‚Konservativen Revolution‘ mit bizarren Fantasien von Gewalt und Terror [26] sowie dem geopolitischen Kalkül von Denkern wie Carl Schmitt [27], die der intellektuelle Mainstream außerhalb Russlands in der Regel als längst überholt erachtet. Dugins konservative Utopie jedoch ist in der Vergangenheit angelegt, um der Gegenwart ihren Willen aufzuzwingen.

Hier sei nur ein Beispiel angeführt:

Entgegen der äußeren Logik der Ereignisse […] wird ein neuer Kreuzzug kommen. Wie bei den historischen Kreuzzügen wird dies eine große Bewegung der Kräfte des geistigen Nordens gegen die Zivilisation des Südens sein, ein heiliger Krieg der Kreuztragenden Herzen gegen die ‚vernünftigen Köpfe‘ der Juden und Sarazenen, eine Schlacht zur Eroberung des Heiligen Lands und des Herrengrabs aus den Händen jener, die wegen ihrer materiellen Leidenschaften und ihrer nationalen und rassischen Ausschließlichkeitsansprüche den Aufruf der Ethik des Heroischen Opfers, der arischen Ethik der Liebe und Treue, Reinheit und Gerechtigkeit verwerfen. Der Neue Kreuzzug ist schon heute erklärt. In kleinen Bächen fließen unter dem Zeichen mit sonnenhaft-polarer Symbolik alle zusammen, die dem Norden und dem Herzen treu sind. Unter ihnen sind Revolutionäre und Anarchisten, Konservative und Militaristen, rote Parteigänger der sozialen Gerechtigkeit und schwarze Verteidiger der sozialen Hierarchie, Christen und Materialisten, Sufis und Mystiker, Kinder des Ostens und Söhne des Westens, vereint durch eine unerklärliche Leidenschaft und einen übermenschlichen Haß. […] Der tote Mondschädel der alten Menschheit erbebt von den rettenden Energien des lebensspendenen polaren Herzens. Und dann richten wir u n s e r Kreuz über dem Heiligen Land auf, über dem Zentrum der Welt, u n s e r orthodoxes Kreuz über dem für ewig befreiten Jerusalem. [28]

Dabei ist Dugin selbst ein Vertreter der Postmoderne, die er so sehr ablehnt. Er dekonstruiert diverse  antiliberale Ideologien des Westens und importiert ihre Fragmente in die russischen Diskurse, in denen er sich bewegt. Allerdings wagt er sich in dieser Dekonstruktion nur bis zur Ebene bestimmter, abstrakter Grundannahmen vor, die er dann als absolute Wahrheiten ausgibt. So schreibt er etwa Nationalstaaten und Kulturen bestimmte essentielle Eigenschaften zu [29].

Im um 180 Grad gedrehten Reagan-Sprech nennt Dugin die USA das „Reich des Bösen“, während er in Russland „eine Nation kosmischen Ausmaßes“ zu erkennen glaubt [30]. Mit solchen Ideen hätten er und seine Gesinnungsgenossen auch subkulturelle Fantasten bleiben können. Doch suchte das Putin-Regime händeringend nach Legitimationen für die Rückkehr zum imperialen Auftreten Russlands in der Welt [31], auch als Reaktion auf die unpopuläre NATO-Osterweiterung und -Balkanpolitik [32].

 

Denn sie wissen genau, was sie tun

Ähnlich wie einst die Breschnew-Doktrin, die von einer ‚beschränkten Souveränität‘ der Ostblockstaaten ausging, kann der ‚Neoeurasismus‘, wie ihn Dugin und andere Theoretiker vertreten, heute vom Kreml als Rechtfertigung benutzt werden, um eine militärische Intervention im ‚nahen Ausland‘ zu rechtfertigen, gleichzeitig aber jede Einmischung in den eigenen Machtbereich von außen, etwa durch internationale Organisationen, als unrechtmäßigen Angriff zurückzuweisen.

Es genügt wohl kaum, darauf hinzuweisen, dass Dugins Argumentationen größtenteils irrational und unzeitgemäß sind. Denn sie erfüllen gerade dadurch einen praktischen Zweck. Während die russische Regierung ihre realen Absichten systematisch geheim hält, stellen ihre Lautsprecher-Ideologen radikal infrage, was überhaupt denkbar ist und als wahrhaftig angesehen werden kann. Ihr Obskurantismus verklärt die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Recht und Unrecht, wahr und falsch.

Umso deutlicher jedoch zeigt sich die Kluft zwischen Macht und Ohnmacht. Während die zivile Welt noch rätselt, ob sie glauben kann, was sie hört und sieht, schaffen militärische Spezialisten facts on the ground.

Neurechte Denker wie Alexander Dugin und deren Anhänger sind nur eine von mehreren Fraktionen im russischen Machtapparat, aber sie haben Einfluss auf die Politik des Kreml, weil sogar skeptische Pragmatiker anerkennen, dass ihre Strategien dazu geeignet sind, konkrete Ergebnisse zu erzielen. Auch in westlichen Ländern gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte für diese Denkweisen. Wie groß die Bedeutung dieser neoimperialen Ideologien im internationalen Maßstab werden kann, ist noch nicht entschieden.

Bild oben: Wikicommons

Anmerkungen:

  • [1] Vgl. Umland, Andreas: Post-Soviet „Uncivil Society“ and the Rise of Alexander Dugin. A Case Study of the Extraparliamentary Radical Right in Contemporary Russia. Unveröffentlichte Dissertation. Trinity College Cambridge 2007, S. 97-98.
  • [2] Zitiert nach Ivanov, Vladimir: Alexander Dugin und die rechtsextremen Netzwerke. Fakten und Hypothesen zu den internationalen Verflechtungen der russischen Neuen Rechten. Stuttgart 2007; S. 12. (Transkription, Rechtschreibung und Zeichensetzung bei allen Zitaten unverändert beibehalten.) Anmerkung: Ivanov lässt sich zu teilweise grotesken Behauptungen, Spekulationen und Verschwörungstheorien hinreißen. Sein Buch ist dennoch insofern hilfreich für eine ernsthafte Untersuchung des Phänomens Dugin, als dass es eine umfangreiche Materialsammlung in deutscher Übersetzung enthält.
  • [3] Vgl. Luks, Leonid: Eurasien aus neototalitärer Sicht – Zur Renaissance einer Ideologie im heutigen Russland. In: Totalitarismus und Demokratie,1/2004, S. 63-76. Hier: 63.
  • [4] Vgl. Umland 2007, S. 99
  • [5] Im Sommer 1991 versuchte eine Gruppe hochrangiger Funktionäre um den KGB-Chef Krjutschkow den Zerfall der Sowjetunion durch einen Staatsstreich aufzuhalten. Ihr Scheitern beschleunigte jedoch die Unabhängigkeit der Republiken und damit den Untergang des Imperiums. Vgl. Lozo, Ignaz: Der Putsch gegen Gorbatschow und das Ende der Sowjetunion. Köln u.a. 2014; S. 158-398
  • [6] Zitiert nach Ivanov, S. 17-18
  • [7] Vgl. Umland 2007, S. 107
  • [8] Vgl. Shenfield, Stephen D.: Russian Fascism. Traditions, Tendencies, Movements. New York 2001, S. 192-194
  • [9] Vgl. Salzborn, Samuel: Messianischer Antiuniversalismus. Zur politischen Theorie von Alexander Dugin im Spannungsfeld von euroasischem Imperialismus und geopolitischem Evangelium. In: Pfahl-Traughber, Armin (Hrsg.): Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung. Band 8. 2014/1. Brühl 2014, S. 243-244
  • [10] Vgl.Umland 2007, S. 101-107
  • [11] Vgl. Luks, S. 68-71
  • [12] Vgl. Umland 2007, S. 41-45
  • [13] Vgl. Luks, S. 65-67
  • [14] Vgl. Salzborn, S. 247
  • [15] Vgl. Umland 2007, S. 94-95
  • [16] Vgl. ders., S. 95 und Salzborn, S. 251
  • [17] Laruelle, Marléne: Russian Eurasianism. An Ideology of Empire. Washington D.C. 2008; S. 86-106
  • [18] Auch bei der Habilitation Dugins gab es Ungereimtheiten. Vgl. Umland, S. 137-140
  • [19] Shekhovtzov, Anton: Putin’s Brain. Online: https://www.academia.edu/8249892/Putins_Brain_on_Alexander_Dugin_ S. 74 [20] Vgl. Umland 2007, S. 104
  • [21] Vgl. Luks, 75-76
  • [22] Vgl. ders., S. 73
  • [23] Umland, Andreas: Neue rechtsextreme Intellektuellenzirkel in Putins Russland: Das Anti-Orange Komitee, der Isborsk-Klub und der Florian-Geyer-Klub. In Russland-Analysen. Ausgabe 290. Jahrgang 2013; S. 4 [24] Vgl. Umland 2007, S. 178 [25] Vgl. Salzborn, S. 253
  • [26] Vgl. Umland 2007, S. 169
  • [27] Parallelen zu Carl Schmitt vgl. Salzborn, S. 245-247. Carl Schmitt entwickelte 1942 in ‚Land und Meer‘ einen Dualismus von ‚Landtretern‘ und ‚Seeschäumern‘, der auffällige Ähnlichkeiten zu Dugins Begriffspaar der Eurasier und Atlantiker aufweist. Seine Argumentation richtete sich gegen ein Eintreten der USA in den Krieg in Europa. Vgl. Schmitt, Carl: Land und Meer. Eine weltgeschichtliche Betrachtung. Stuttgart 2011. Schmitts Konzept der ‚Großraumordnung‘ entspricht in wesentlichen Merkmalen der Idee einer multipolaren Welt der Imperien. Vgl. Schmitt, Carl: Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte. Berlin 1991.
  • [28] Zitiert nach Ivanov, S. 120-121
  • [29] Vgl. Salzborn, S. 245-246
  • [30] Vgl. ders., S. 75
  • [31] Vgl. Herpen, Marcel H.: Putin’s Wars. The Rise of Russia’s New Imperialism. Lanham u.a. 2014; S. 47-60
  • [32] Vgl. Umland 2007, S. 183