Hass statt Liebe: Das rechte Medien-Netzwerk christlicher Abtreibungsgegner

Am Samstag werden wieder Tausende Abtreibungsgegner durch Berlin marschieren. Eine sonst kaum beachtete Szene tritt ins Licht der Öffentlichkeit. In den einschlägigen Medien der radikalen Christen tummeln sich AfD und Rechtsradikale.

Der „Marsch für das Leben“ findet in diesem Jahr am 17. September statt. Bei dieser Großdemonstration kommen alljährlich mehrere Tausend Abtreibungsgegner zusammen. Die nennen sich selbst „Lebensschützer“. Parteisymbole und ähnliche Zeichen sind nicht erlaubt. Zu Beginn verteilen die Veranstalter weiße Kreuze, die dann von den Teilnehmern andächtig schweigend getragen werden. Dieses corporate design verdeckt die Tatsache, dass im Lebensschutz-Milieu auch Anhänger rechter Gruppen aktiv sind. Ein Blick in ihre Medien macht das deutlich.

Gottes rechte Freunde

Ultrakatholische und evangelikale Abtreibungsgegner sind in vielfältiger Form organisiert, das Spektrum reicht von der lokalen Bibelgruppe bis zum europaweiten Kampagnen-Netzwerk. Der jährliche Marsch stellt für die Szene einen wichtigen Höhepunkt des Jahres dar. In einschlägigen Medien wird in den Monaten zuvor über alle möglichen Details der Veranstaltung berichtet. Professionell gemachte Websites, YouTube-Kanäle und Zeitungen beliefern das strenggläubige Milieu. Christliche Inhalte gehen dort teilweise nahtlos in AfD-Werbung und rechte Hetze über.

Auch das Gegenüber bemüht sich um Annäherung. Allen voran die neurechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Regelmäßig erscheinen dort Artikel zur politischen Auseinandersetzung um das Thema Abtreibung. Die Positionierung der Redaktion ist eindeutig: Lebensschützer werden als eine aufrechte und verfolgte Minderheit dargestellt, die ihre Ansichten nicht in der Öffentlichkeit vertreten darf. Also ganz so, wie die neue Rechte auch sich selbst sieht. Die Kungelei verwundert kaum, ist doch der BVL-Chef Martin Lohmann selbst Autor bei der Jungen Freiheit.

Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch marschierte im letzten Jahr gemeinsam mit Lohmann an der Spitze des „Marsches für das Leben“. Sie und ihr Mann Sven von Storch koordinieren ein kaum überschaubares Netzwerk von Vereinen und Lobbygruppen. Öffentlich tritt das Konstrukt meistens als „Zivile Koalition“ auf. Dem Soziologen Andreas Kemper zufolge ist der Verein dahinter aus Interessenverbänden von Adligen entstanden. Auf der dazugehörigen Website „Freie Welt“ publizieren die Storchs massenhaft Artikel, wobei der „Lebensschutz“ ein zentrales Themenfeld darstellt.


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Christenverfolgung in Berlin?

Anfang September warfen Unbekannte Farbe an die Fassade der Herz-Jesu-Kirche im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg und sprühten eine Parole daneben: „Eure Lügen stinken zum Himmel!“ Ziel des vermutlich linksradikalen Farbanschlags war der „Bundesverband Lebensrecht“ (BVL), der hier seinen Sitz hat. Der BVL organisiert den „Marsch für das Leben“. Im selben Gebäude sitzen auch andere Lebensschutz-Organisationen, die mit dem BVL eng zusammenarbeiten.

Die Mainstream-Medien interessierten sich nicht für den Farbanschlag an der Kirche. Das war auch schon nach einer sehr ähnlichen Attacke vor zwei Jahren so. „Berlin schweigt“, beklagte damals nur der einsame Rufer Gunnar Schupelius in der Boulevardzeitung B.Z. Der konservative Kolumnist vermutete sogar eine antichristliche Verschwörung: „Wir wissen jetzt, dass Christen, wenn sie ihre Überzeugungen zum Ausdruck bringen wollen […] von einem breiten linken Bündnis an Politikern öffentlich diffamiert und von linksradikalen Tätern angegriffen werden.“

Das vermeintliche Schweigen der Presse könnte allerdings auch damit zu tun haben, dass der betroffene „Bundesverband Lebensrecht“ gar nicht versucht, solche Vorfälle an die große Glocke zu hängen. Ein Statement gab er nur gegenüber zwei einschlägigen Organen ab: „Idea“ und kath.net. Diese Seiten gehören zu einer professionellen Medienlandschaft, die in der Nische ihre eigenen Wirklichkeiten produziert. Im Gegensatz zu den USA spielen religiöse TV-Sender zwar in Deutschland kaum eine Rolle. Aber einschlägige Internetportale und Zeitungen sind durchaus erfolgreich.

Die fromme Parallelwelt im Web

Die Nachrichtenagentur „Idea“ wurde 1970 auf Initiative des evangelikalen Dachverbands „Deutsche Evangelischen Allianz“ (DEA) gegründet, dem heute eigenen Angaben zufolge insgesamt etwa 1,3 Menschen angehören. Hartmut Steeb ist DEA-Generalsekretär und im Idea-Vorstand. Beim „Marsch für das Leben“ gehört Steeb zu den Ehrengästen. Der evangelikale Funktionär hat keine Berührungsängste mit der Neuen Rechten: Auch er schreibt Artikel für die „Junge Freiheit“, die wiederum veröffentlicht Idea-Agenturmeldungen zu verschiedenen Themen.

Idea arbeitet eng mit der papsttreuen Website kath.net zusammen. Die wird seit 1999 von dem Theologen Roland Noé im österreichischen Linz betrieben und ist offiziell unabhängig. Der umtriebige Netzwerker verfügt Noé über ausgezeichnete Kontakte in der Kirchenhierarchie. Seine Tätigkeit wird unter anderem von dem Hilfswerk „Kirche in Not“ finanziell gefördert. Es gibt aber auch wesentlich radikalere Szene-Medien, zu denen etablierte Institutionen demonstrativ Abstand halten. Einige Websites verbreiten rechtsradikale Hasspropaganda – und stellen die als christlich dar.

Die österreichische Website kreuz.net hetzte jahrelang gegen Schwule und Muslime. Dort publizierten Aktivisten aus der islamfeindlichen Pro-Bewegung, FPÖ-Politiker und Holocaustleugner. Eine breite Gegenkampagne und mehrere Strafanzeigen setzten die anonymen Macher unter Druck. 2012 wurde kreuz.net abgeschaltet. Das sehr ähnlich gestaltete gloria.tv ist indessen noch aktiv. Dort trifft Werbung für den „Marsch für das Leben“ auf Videos mit rechten Dampfplauderern wie dem Compact-Herausgeber Jürgen Elsässer. Die Domain gloria.tv wurde mittlerweile in Bukarest registriert, wohl um der österreichischen Justiz zu entgehen.

All diese Medienangebote bedienen sehr unterschiedliche Konsumenten, die durchaus ihre Differenzen untereinander haben. Ein Teil der Katholiken und Evangelikalen engagiert sich zum Beispiel für Flüchtlinge, während sich andere eine Schließung der Grenzen wünschen wie die AfD. Aber die Forderung nach einem konsequenten Abtreibungsverbot vereint die Fraktionen wieder. Sogar über die Grenzen des religiösen Spektrums hinaus reicht die Übereinstimmung. Die Neuen Rechten erhoffen sich von der Zusammenarbeit mit den wohlorganisierten Frommen einen Zuwachs an Legitimität, aber auch an konkretem Einfluss.

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