Arte zeigt die TV-Serie „Gomorrha“, in Neapel eskaliert unterdessen die reale Camorra-Gewalt

Arte zeigt die erste Staffel der Erfolgsserie „Gomorrha“ nach dem Roman von Roberto Saviano. Lokalpolitiker in Neapel sehen nur einen Imageschaden und versuchen, die Dreharbeiten zur zweiten Staffel zu behindern.

Die Mutter stellt Pasta auf den Tisch und ermahnt ihren erwachsenen Sohn, beim Essen werde nicht geraucht. Widerwillig gehorcht er. Wenige Minuten später steht die Wohnung in Flammen. Salvatore Conte ist nicht nur Sohn, sondern auch Anführer eines Camorra-Clans, auf den der Rivale Don Pietro es abgesehen hat. Und natürlich steht dieser Anschlag nur am Anfang einer folgenreichen Eskalation. Don Pietro sorgt sich unterdessen um seinen eigenen Sohn Genny. Der soll einmal das Familiengeschäft übernehmen, muss dazu aber erst „zum Mann“ werden – also, nach zivilen Kategorien, zum Mörder.

Ciro, ein 30-jähriger Gangster und der Protagonist der Serie (gespielt von Marco D’Amore), wird damit betraut, bei der Mannwerdung zu assistieren, weil es bislang leider kaum Fortschritte gibt. Regisseur Stefano Sollima (”ACAB – All Cops Are Bastards”, 2012) inszenierte die brutale Mafia-Welt für den Pay-TV-Sender Sky und die Produktionsgesellschaft Cattleya. Auf die Romantik des “Paten” verzichtete er. Keine Luxusvillen oder Maßanzüge bestimmen das Bild, sondern Sozialbauten und Jogginghosen. Statt Glamour gibt es hier nur Paranoia. Die meisten Szenen wurden in den trostlosen Straßenschluchten des Neubaughettos Scampia gedreht.

 

Alle Fotos: © ZDF / Emanuela Scarpa

Einige Bürgermeister aus der Metropolregion Neapel üben scharfe Kritik an der Produktion. Mit einer Kampagne unter dem Titel “Weg von hier!” versuchen sie momentan, die Dreharbeiten zur zweiten Staffel zu verhindern. Die Lokalpolitiker werfen der Serie absurderweise vor, das organisierte Verbrechen zu glorifizieren und dem Ruf Neapels zu schaden. Ihre Gemeinden gelten als Hochburgen der Camorra. Allerdings braucht die momentan keine TV-Fiktion, um sich in Erinnerung zu rufen. Die Zahl der Gewalttaten im Zusammenhang mit dem organisierten Drogenhandel ist in Neapel 2015 wieder deutlich angestiegen.

Hintergrund dieser Entwicklung sind, Beobachtern zufolge, Revierkämpfe jugendlicher Bandenmitglieder. Diese neuen Gangs stoßen in eine Lücke, die die Verhaftung älterer Clanchefs in die Strukturen gerissen hat. Die Camorra, deren Jahresumsatz vom US-Wirtschaftsmagazin “Fortune” im vergangenen Jahr auf 4,9 Milliarden Dollar geschätzt wurde, unterscheidet sich von ähnlichen Organisationen durch ihre horizontale Struktur, vertikale Hierarchien gibt es nur innerhalb der Clans. Einer Untersuchung des Soziologen Maurizio Catino von der Universität Milan-Bicocca zufolge ist die Fähigkeit zum Konflikt-Management daher gering.

Buchautor Roberto Saviano, der wie beim Film von 2008 auch am Drehbuch der Serie mitwirkte, sieht in der aktuellen Eskalation eine bisher nicht gekannte „Strategie des Terrors“, mit der sich die neuen Gangs profilieren wollen. Kein mächtigerer Player hindert sie effektiv daran, denn niemand steht über den rivalisierenden Clans, vom Staat ganz zu schweigen. Auch die aktuelle Flüchtlingskrise verschäft die Situation, das zeigen die bekanntgewordenen Fälle von Menschenhandel und Zwangsprostituion durch nigerianische Gangs, deren Tun die etablierten Camorraclans offenbar akzeptieren. Wohl kaum, ohne auch von diesem Leid zu profitieren.

Staffel 1 von “Camorrha” läuft donnerstags auf Arte (in Doppelfolgen).

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