Geliebter Feind? Assad, der IS und Putin

Die russische Regierung baut ihre Militärhilfe für das syrische Regime momentan aus, weitere Truppen werden folgen. Der Kreml stellt diese Intervention als Kampf gegen die Terrormiliz ‚Islamischer Staat‘ (IS) dar. Doch sind Assad und die Dschihadisten wirklich so erbitterte Gegner?

(Erstveröffentlicht am 9. September 2015)

Bei Fassbombenangriffen der Regierungstruppen sind – Amnesty International zufolge – zwischen 2012 und 2015 über 12.000 Menschen umgekommen. 96 Prozent der Toten waren Zivilisten. Aufgrund ihrer Ungenauigkeit werden die improvisierten Waffen nur selten an der Frontlinie eingesetzt, wo sie die eigenen Truppen treffen könnten. Massenhafte Tötung und Vertreibung von Zivilisten sind also nicht Nebeneffekte des Kampfes, sondern werden taktisch angewandt.

Dennoch gibt es durchaus westliche Beobachter, die in Assad einen Verbündeten gegen den Terrorismus sehen, etwa den österreichischen Außenminister. Oder den britischen Nahostkorrespondenten Patrick Cockburn, der in seinem Buch „The Rise of Islamic State“ vor allem die USA und ihre Verbündeten für die Eskalation des Konfliktes verantwortlich macht. Cockburn sieht das Assad-Regime als kleineres von zwei Übeln im Vergleich zum IS. [1]

Der Soziologe und Journalist Muhammad Idrees Ahmad kritisierte Cockburns Darstellung und warf ihm vor, Aussagen von syrischen Sicherheitsleuten ungeprüft übernommen zu haben. Ob das zutrifft oder nicht, in jedem Fall bietet „The Rise Of The Islamic State“ weder eine ernstzunehmende Analyse noch eine zufriedenstellende Erklärung dafür, warum ausgerechnet der IS zur dominanten Bürgerkriegspartei werden konnte.


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Dem französischen Historiker Jean-Pierre Filiu zufolge waren es gerade die autoritären Regime im Nahen Osten, deren vielschichtige Sicherheitsstruktur („deep state“) den Aufstieg der Islamisten in der Region erst ermöglicht haben. Im Fall Syriens geht Filiu von einer zumindest informellen Kooperation bei der Bekämpfung der säkulären Opposition aus.[2]

Der Politikwissenschaftler Peter Neumann hat schon vor über einem Jahr auf Verbindungen syrischer Sicherheitsdienste zu ‚Al-Qaida im Irak‘ hingewiesen. Ein Schwanken zwischen Nicht-Behinderung und direkter Unterstützung habe den Ausbau des dschihadistischen Netzwerkes begünstigt, das zu diesem Zeitpunkt noch eine geringe Rolle spielte, später aber zur Vorgängerorganisation des ‚Islamischen Staates‘ wurde.

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Die Journalisten Michael Weiss und Hassan Hassan stellen die Situation in „ISIS: Inside the Army of Terror“ ähnlich dar: Islamisten seien bereits am Vorabend der US-Invasion von Syrien aus in den Irak eingesickert, um sich Untergrundgruppen anzuschließen. Die wiederum konnten später auf Strukturen der irakisch-baathistischen Sicherheitskräfte aufbauen. Weiss und Hassan gehen davon aus, dass das Assad-Regime davon nicht nur wusste, sondern den Zustrom von Kämpfern jahrelang aktiv förderte. [3]

In einem Konflikt mit einer Vielzahl von Akteuren kämpfen nicht immer alle Parteien mit gleichbleibender Vehemenz gegeneinander, gerade, wenn noch externe Player mit eigenen Interessen ins Spiel kommen. Es wird gelauert und abgewartet, stille Übereinkünfte bedeuten nicht unbedingt eine dauerhafte Allianz. Warum sich das syrische Regime aber aus dem Stehgreif in einen glühenden Bekämpfer des Terrorismus verwandeln sollte, wenn es militärische Unterstützung erhält, das weiß wohl nur der Kreml.

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Flickr | Freedom House | CC 2.0

Anmerkungen

[1] Vgl. Cockburn, Patrick: The Rise of Islamic State. ISIS and the New Sunni Revolution. London 2015. Noch weiter ging kürzlich der Publizist Jürgen Todenhöfer und verbreitete eine waghalsige Verschwörungstheorie, der zufolge die USA den IS wissentlich unterstützt hätten. Er bezog sich dabei auf ein vom US-Geheimdienst veröffentlichtes Papier, das er offensichtlich falsch verstanden hat. Der britische ‚investigative journalist‘ Nafeez Ahmed hatte kurz zuvor exakt dieselbe, vollkommen verzerrte Interpretation geäußert. Vermutlich hat Todenhöfer bei ihm abgeschrieben (ohne das kenntlich zu machen). Ungeachtet derartig grober Patzer wird der angebliche Nahostexperte von deutschen Medien weiterhin hofiert.

[2] Vgl. Filiu, Jean-Pierre: From Deep State to Islamic State: The Arab Counter-Revolution and its Jihadi Legacy. The Arab Counter-Revolution and its Jihadi Legacy. London 2015. Insbes. S. 200-205.

[3] Vgl. Weiss, Michael / Hassan, Hassan: ISIS. ISIS: Inside the Army of Terror. New York 2015. Insbes. S. 99-113. (Die Autoren haben die e-book-Version online als gratis PDF verfügbar gemacht. [Abweichende Seitenzahlen.])

Bild oben: Flickr | Freedom House | CC 2.0

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