Flüchtlinge Fressen: Das ‚Zentrum für Politische Schönheit‘ spielt mit Leben und Tod (mal wieder)

Das Zentrum für Politische Schönheit droht der Politik. Wenn die Bundesregierung die Einreise per Flugzeug nicht erlaubt, sollen Flüchtlinge zu Tode kommen – mitten in Berlin, in einer Arena am Gorki-Theater.

Am Mittwoch werde die Bundesregierung darüber entscheiden, ob Flüchtlinge „fliegen dürfen“ oder „sterben müssen“, verkündet Cesy Leonard vom Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) auf einer Pressekonferenz im Saal des Gorki-Theaters. Die aktuelle Aktion des Künstler-Kollektivs richtet sich gegen ein Gesetz, das Fluggesellschaften untersagt, Menschen ohne gültiges Visum zu befördern. Geht es nach dem ZPS, dann soll es binnen einer Woche abgeschafft werden.

Die Kunst-Aktivisten haben nach eigenen Angaben ein Flugzeug gechartert, um syrische Geflüchtete aus der Türkei nach Deutschland zu transportieren. Wenn die Politik sich von all dem Medienrummel nicht beeindrucken lässt, dann werden – so will es die Inszenierung – Flüchtlinge bei lebendigem Leibe von Tigern gefressen. Die Tiere können bereits vor dem Gorki bestaunt werden. Dort hat das ZPS ein Gehege errichtet, das an eine römische Arena erinnert.

Es hätten sich bereits Freiwillige gemeldet, die ihr Leben hergeben wollen, behauptet Leonard. Nun sei es an der Zeit, den ersten Flüchtling „öffentlich vorzustellen“, sagt die Frau im staatstragenden Hosenanzug. Auftritt May Skaf. Die syrische TV-Schauspielerin spricht auf Arabisch über ihre eigene Verhaftung in Damaskus 2011, damals schloss sie sich den Demonstrationen gegen das Assad-Regime an. Die Opposition habe sich Unterstützung von Europa erhofft und sei enttäuscht worden, sagt sie.

Nach der Aktion Die Toten kommen im vergangenen Jahr wurde den ZPS-Aktivisten um Philipp Ruch vorgeworfen, sie würden die geflüchteten Menschen auf ihre Opferrolle reduzieren und nicht selbst zu Wort kommen lassen. Die Zusammenarbeit mit May Skaf scheint eine Reaktion auf diese Kritik zu sein. Zudem wird an jedem Abend eine Diskussionsrunde mit verschiedenen Gästen im Garten des Gorki-Theaters abgehalten, bei der mitunter auch kritische Ansichten geäußert werden.

Nach der Pressekonferenz dient die Arena als Kulisse für Film- und Fotoaufnahmen. Die  Fragen der Journalisten (z.B. „Warum muss es immer so provokativ sein?“) werden in routiniertem PR-Sprech abgearbeitet. Ich möchte von Cesy Leonard wissen, ob sie glaubt, dass die kontroversen Aktionen verstanden werden. Schließlich richtet sich das ZPS mit moderner Kunst an ein Massenpublikum. Das Zentrum sei überzeugt, „das deutsche Volk“ begreife, worum es bei all dem geht, erfahre ich.

Es gibt auch Möglichkeiten der Partizipation: Besucher der Website können Emails an den Bundespräsidenten schreiben. An einer Wand sind einige dieser Briefe zu sehen. Ein User etwa weist Joachim Gauck darauf hin, dass mit großer Macht auch große Verantwortung verbunden sei – eine gekonnt eingesetzte Spiderman-Referenz. In der Weltsicht des ZPS repräsentieren diese kurzen Nachrichten eine aufgeklärte bundesdeutsche Bevölkerung, die ihren Verstand zu gebrauchen weiß.


Jetzt Leverage Magazine auf Facebook liken! (Artikel geht unten weiter.)


Der von Philipp Ruch geforderte „aggressive Humanismus“ wird mit so viel showmanship präsentiert, dass sich eigentlich niemand beschweren kann. Sogar die vier Tiger spielen mit den Erwartungen des Publikums, rennen in regelmäßigen Abständen auf die Absperrung zu und fauchen dabei theatralisch. Gelernt ist gelernt. Einige Besucher fragen sich, ob es okay sei, Tiere für derartige Aktionen zu verwenden und tappen damit nur in eine Falle für politisch korrekte Bildungsbürger.

In der Form werden die Inszenierungen von Jahr zu Jahr vertrackter. Doch wenn das Zentrum für Politische Schönheit die Welt erklärt, wird es sehr schnell sehr einfach: Das Flugverbot tötet und muss weg. Europa ist zweigeteilt: Auf der einen Seite steht die „Barbarei“, die EU erscheint als ein skrupelloses und machthungriges „neues Rom“ mit bornierten Bewohnern. Dem gegenüber steht eine Utopie von Humanität und Aufklärung, in der die Politik weise handelt und die Menschen lieb zueinander sind.

Doch auch in der wirklichen Welt könnte es unter Umständen gelingen, eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen. Die Linkspartei-Fraktion hat die Bühne bereits betreten und fordert in einem aktuellen Antrag eine Gesetzesänderung, die Flüchtlingen die Einreise per Flugzeug ermöglichen, damit aber den EU-Vorgaben widersprechen würde. Am Mittwoch wird das ZPS zudem versuchen, eine öffentliche Fragestunde der Bundesregierung zur Kommunikation der Forderungen zu benutzen. Spätestens dann hat „das deutsche Volk“ mit weiteren spektakulären Twists und Enthüllungen zu rechnen (ob es will oder nicht).

not-spiele-slide01

not-spiele-slide02

not-spiele-slide04

not-spiele-slide03

not-spiele-slide06

not-spiele-slide05

Fotos: © Christoph Kluge