„Ex Machina“ von Alex Garland: Die Maschine lebt

In seinem Regiedebüt „Ex_Machina“ erzählt Alex Garland die Geschichte eines Programmierers, der seine Liebe zu einer intelligenten Maschine entdeckt. Was wie ein eher konventioneller Science-Fiction-Plot beginnt, setzt neue Maßstäbe für das Genre.

(Erstveröffentlicht am 30. Mai 2015)

Der Programmierer Caleb – der den Namen eines alttestamentarischen Knechts wohl nicht zufällig trägt – wird per Helikopter auf das fernab jeder Zivilisation gelegene Anwesen des Computer-Moguls Nathan verbracht. Der Pilot, wie eine Art moderner Fährmann zugleich wissend und unbeteiligt, wird nach einer Woche zurückkehren, um ihn wieder abzuholen.

Der Hausherr Nathan erlaubt dem Protagonisten, an einem Experiment teilzunehmen. Er hat eine menschenähnliche Kreatur namens Ava erschaffen, von der er glaubt, sie sei die erste Maschine, die über echte Künstliche Intelligenz verfüge. Nun verlangt er von Caleb, ihre Fähigkeiten zu testen. Doch der Knecht verliebt sich in das Objekt der Untersuchung.

Zwei ungleiche Männer. Courtesy of Mongrel Media. © Universal Pictures
Zwei ungleiche Männer. Courtesy of Mongrel Media. © Universal Pictures

 

Das Haus, eine eigentümliche Mischung aus Luxusloft und einem Keller, der eher einem Raumschiff ähnelt, wird ansonsten nur von der stummen Hausdienerin Kyoko bewohnt. Die Bewunderung Calebs für seinen erfolgreichen Chef wandelt sich in Verachtung, als er dessen Selbstverliebtheit und Grausamkeit erlebt. Überdies erfährt er, dass Nathan Ava abschalten will.

Auf den ersten Blick scheint sich in „Ex_Machina“ das Klischee einer Dreiecksgeschichte zu entfalten: zwei ungleiche Männer im Kampf um die Frau. Eine klassische ödipale Konstellation, in der der freundliche good guy Caleb gegen die Übermacht des ihm geistig, körperlich und sogar an Trinkfestigkeit weit überlegenen Nathan antritt.

Caleb: We need to talk about the lies you’ve been spinning me.
Nathan: What lies?
Caleb: …Why me?

Der Gastgeber lässt keine Gelegenheit aus, den Protagonisten in altväterlicher Weise zu demütigen. In einer unglaublich obszönen Tanzszene bietet er dem entsetzten Caleb den Körper der devoten Kyoko an. Immer deutlicher zeigt sich, dass der Gast nicht aufgrund seiner Computerexpertise eingeladen wurde, sondern selbst Teil des Experiments ist.

 

Doch Caleb ist längst gefangen in seiner obsessiven Zuneigung für die unnahbare Ava. Wie der Protagonist von E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ (der übrigens Nathanael heißt) steigert er sich in die Vorstellung hinein, mit Ava davonlaufen zu können. Eine pubertäre Bonny-und-Clyde-Fantasie, irritierender Weise mit einer Maschine.

Sein Begehren für Ava, in deren Namen Adam und Eva vereint zu seien scheinen, kommt ihm womöglich besonders rein und edel vor, eben weil er keinen Sex mit ihr hat. Als scheinbar weiteres Stereotyp steht der Hure Kyoko die Heilige Ava gegenüber – und das Versprechen einer Rückkehr in den Garten Eden, eine Möglichkeit, die Erbsünde doch noch ungeschehen zu machen.


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In ihren Gesprächen über Ava vergleichen die beiden Männer ihre Fantasien von Frauen. Andrej Tarkowski stellte 1972 in seinem Film „Solaris“ die Frage, was eigentlich passiert, wenn das Fantasma plötzlich zum Leben erweckt wird. Das Ergebnis war eine Katastrophe, schreckliches Grauen, das nur durch die Selbstauslöschung der Frau beendet werden konnte.

In Ridley Scotts „Blade Runner“ begegnet uns ebenfalls das Motiv eines Mannes, der eine Maschinenfrau retten möchte. 1982 erzwang die Produktionsfirma, dass der Streifen mit einem Happy End schließen müsse, obwohl das die innere Logik des Films bricht. Denn aufgrund eines eingebauten Defekts steht der Tod der Replikantin bald bevor. Operation gelungen, Patient tot.

Dasselbe Problem begegnet uns in „Ex_Machina: Der Herr Nathan kann seine Kreatur nicht einfach in die Freiheit entlassen. Aber auch der Knecht Caleb kann nicht mit ihr fliehen. Ein Kampf der beiden Kontrahenten könnte ebenfalls keine Lösung bringen. Garlands Film jedoch löst das Paradoxon durch einen radikalen Wechsel der Perspektive auf das Geschehen.

Das Fantasmatische stabilisiert das Ich, zwingt es aber auch in eine Zwickmühle: Aus dem Blickwinkel des Träumers muss die Verwirklichung seines Traumes letztlich immer als Katastrophe erscheinen, die die eigene Identität existenziell gefährdet. Würde die erträumte zur tatsächlichen Realität werden, könnte der Träumer nicht mehr er selbst bleiben.

In den Augen Avas sind die Verlustängste ihres Schöpfers jedoch ebenso irrelevant wie die nicht weniger bevormundenden Fantasien des Möchtegern-Retters. Wer sie konstruiert hat und warum, das spielt überhaupt keine Rolle. Wovon träumt Ava? Das wissen wir natürlich nicht. Zumindest scheint sie vorerst nicht die Menschheit vernichten zu wollen, wie etwa der Terminator.

Vorerst…

 

Regisseur Alex Garland (li.) mit Oscar Issac. Courtesy of Mongrel Media. © Universal Pictures
Regisseur Alex Garland (li.) mit Oscar Issac. Courtesy of Mongrel Media. © Universal Pictures