Eine irritierende Gratwanderung an der Grenze der Realität mit Ping Wang Xin

Der chinesisch-amerikanische Fotograf Ping Wang Xin bewegt sich an der Grenze dessen, was wir Realität nennen, und zeigt Räume, die es eigentlich nicht geben dürfte. Irritation ist das vorläufige Ergebnis.

In seiner Serie „Blindspot“ leuchtet Ping Zwischenräume aus, durch die der Mensch sich bewegt, ohne sie zu beachten. Wir wissen, dass es sie gibt und ignorieren ihre Existenz dennoch. „Ich habe keine Ahnung, was hinter der Dunkelheit der gewöhnlichen Orte liegt“, schreibt er in einer Mail, „ebenso wenig weiß ich, ob die ‚Realität‘, die mich umgibt, real ist. Wenn sie real ist, warum fühle ich mich dann so ängstlich und verstört?“ Die Wirklichkeit zu hinterfragen sei ein Prozess, der keines Ergebnisses bedürfe und der nach keiner endgültigen Antwort verlange.

Pings Arbeiten sind inspiriert von der „Uncanny Valley“-Theorie. Die beschreibt den irritierenden Effekt, den allzu wirklichkeitsgetreue Simulationen auf einen Beobachter haben können. Animationsfilme oder humanoide Roboter erscheinen plötzlich falsch und irreal, paradoxerweise genau dann, wenn sie dem Original besonders nahe kommen. Der Betrachter verweigert sich unbewusst, er spürt einen verstörenden Riss zwischen dem, was er sieht und dem, was er kennt – genau in dem Moment, in dem die Diskrepanz zu verschwinden droht.

 

 

Eine andere Arbeit Pings setzt sich auf andere Weise mit dem Verborgenen und dem Sichtbaren auseinander, und nähert sich der schmerzhaften Erfahrung an, die zwischen beiden liegen kann. „Luò Hóng“ ist ein chinesisches Ritual, das in der Hochzeitsnacht durchgeführt wird. Um die Jungfräulichkeit der Frau zu beweisen, muss der Ehemann den Familienangehörigen das Bettlaken präsentieren, auf dem ein Blutfleck zu sehen ist. Solche Traditionen gibt es auch in anderen Gesellschaften, in denen innerfamiliäre Autoritätsbeziehungen eine große Rolle spielen, es ähnelt beispielsweise dem arabischen Namus-Ritual.

Ping Wang, der in einer sehr traditionellen chinesischen Familie aufgewachsen ist und heute zwischen Peking und New York lebt, sieht in Luò Hóng eine „brutale Verletzung der Privatsphäre und Intimität“. Kritisch beobachtet er die rasanten Veränderungen in seiner Heimat. Obwohl sich die Moralvorstellungen wandeln und eine gewisse Öffnung zu spüren ist, bleiben patriarchalische Muster erhalten, schreibt der Künstler. Viele Männer würden auch heute noch darauf bestehen, eine Jungfrau zu heiraten und viele Frauen hätten Angst vor einem öffentlichen Ehrverlust.

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Verwirrung und Einsamkeit bestimmt auch die Serie „Where Are You Looking At“. Der Fotograf hat die Charaktere in einem minimalistischen Setting platziert beziehungsweise deplatziert. Die Abhängigkeit des Menschen von den Gegebenheiten des Raumes und einer Umgebung steht im Zentrum, die sich seinem Einfluss entzieht. In dem Video „Verbotene Liebe“, einer Kooperation mit dem Komponisten Li Zong und der Violinistin Fang Han, nähert sich Ping dem Gefühl von Hilflosigkeit und Einsamkeit angesichts einer Liebe an, die nicht ausgesprochen werden kann.

Mehr von Ping Wang Xin gibt es auf seiner Homepage zu entdecken.

 

Alle Bilder: © Ping Wang Xin


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