Ein Affe wie wir: Kafkas ‘Bericht für eine Akademie’

In seiner wundervollen Erzählung Ein Bericht für eine Akademie lässt Franz Kafka den ehemaligen Affen Rotpeter seinen bisherigen Lebensweg referieren. „Hohe Herren von der Akademie“ haben ihn aufgefordert, über sein „äffisches Vorleben“ zu sprechen. 

(Erstveröffentlicht am 2. August 2015)

Rotpeter wurde nicht zum Menschen, weil er es wollte, sondern aus Mangel an Alternativen. Eine Jagdexpedition hat ihn eingefangen im Dschungel, aus dem Affenleben gerissen (an das er sich heute nicht mehr erinnern kann) und in einen Käfig gesteckt. Dort erlernte er die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens: sich per Handschlag zu begrüßen und viel Alkohol zu trinken.

Kafka beschreibt die Assimilation Rotpeters als qualvole Disziplinierung ohne Ausweg, als groteske Persiflage sowohl der Evolution des Menschen als auch des Fortschrittsglaubens der abendländischen Zivilisation. Der Affe macht sich die zeitgenössische Vorstellung vom europäischen, weißen, männlichen und christlichen Menschen als Krone der Schöpfung zu eigen:

Überblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich weder, noch bin ich zufrieden. Die Hände in den Hosentaschen, die Weinflasche auf dem Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster.

Um nicht in den Zoo zu müssen, ging Rotpeter auf die Bühne. Als Schauspieler am Varieté brachte er es zu Erfolg und Ansehen, auch wenn er sich bewusst ist, dass in seinen Menschenkleidern weiterhin ein Affe steckt. Im Geheimen unterhält er ein (nicht ganz unproblematisches) sexuelles Verhältnis mit einer Schimpansin, mit ihr lässt er es sich „nach Affenart“ gutgehen.

Rotpeter unterscheidet sich von früheren Figuren Franz Kafkas. Zwar leidet auch er an der Welt, aber er scheint insgesamt anders damit umzugehen.

Am 4. Dezember des Kriegsjahres 1917 – der Bericht war kurz zuvor erstmals erschienen – notierte der Autor in seine Oktavhefte:

Der Messias wird erst kommen, wenn er nicht mehr nötig sein wird, er wird erst einen Tag nach seiner Ankunft kommen, er wird nicht am letzten Tag kommen, sondern am allerletzten.

Die Erlösung wird kommen, aber zu spät. Der Messias trifft genau dann ein, wenn wir ihn gar nicht mehr brauchen. Im Gegensatz zu den Menschen, deren Habitus Rotpeter imitiert und persifliert, scheint er sich über diesen Umstand im Klaren zu sein. Der selbstdressierte Affe ist seltsam frei, weil er weiß, dass sein irdisches Leiden keinem höheren Zweck dient als mit dem Tod zu enden.

Prost, Rotpeter!

Bildpostkarte, um 1900 (Public Domain)
Bildpostkarte, um 1900 (Public Domain)