Drohungen und Hass-Mails von rechts: die Schaubühne polarisiert mit “FEAR”

Anhänger von AfD und Pegida überziehen die Berliner Schaubühne mit einem Shitstorm. Anlass ist das Stück “FEAR”, in dem unter anderem einige umstrittene konservative Politikerinnen als tanzende Hexen dargestellt werden.

„Meinungsfreiheit! Meinungsfreiheit!“, riefen die Anhänger der rechten Partei AfD am vergangenen Samstag in Berlin. Wer bereits vermutete, dass sie damit vor allem ihre eigene meinten, bekam die Bestätigung umgehend frei Haus geliefert. Seit Tagen wird die Schaubühne am Lehniner Platz mit Hass-Zuschriften und Internet-Kommentaren bombardiert, die die aktuelle Inszenierung „FEAR“ von Falk Richter angreifen.

Das Stück setzt sich kritisch mit dem Rechtspopulismus und der wachsenden Fremdenfeindlichkeit in Deutschland auseinander. Richter und sein Ensemble legen es dabei durchaus auf Provokation an. Als zentrale Figuren treten beispielsweise die AfD-Frontfrauen Beatrix von Storch und Frauke Petry auf, die in einer – inhaltlich eher platten – Szene gemeinsam mit Hedwig von Beverfoerde und Birgit Kelle einen Hexentanz aufführen.

 

 

Der Regisseur von „Small Town Boy“ bringt mit seiner aktuellen Inszenierung nicht mehr als eine Zustandsbeschreibung auf die Bühne. Unzählige Original-Zitate von Pegida-Anhängern und homophoben „besorgten Eltern“, die ihrer Angst vor einer vermeintlichen Frühsexualisierung Ausdruck verleihen, zeigen die Absurdität dieser Bewegungen. In der bloßen Aufzählung offenbart sich aber letztlich auch die Ratlosigkeit des bildungsbürgerlichen Milieus.

Zwei Gruppen stehen nebeneinander auf der Bühne, deren Weltbilder und Erfahrungen so unterschiedlich sind, dass eine Verständigung nicht möglich ist. Einerseits die Frustrierten und Abgehängten, deren diffuse Angst vor einer immer komplizierteren Welt in Wut auf das politische Establishment und Hass auf alles Fremde umschlägt. Und auf der anderen Seite eine seltsam abgehobene Gruppe von linksliberalen Hipstern, die diese Revolte von rechts nicht verstehen kann und ihr nichts zu entgegnen hat.


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Das Klientel von Pegida und AfD, das immer häufiger dasselbe zu sein scheint, ist eigentlich nicht für eine besondere Affinität zu Gegenwartskunst im Allgemeinen oder Theaterkritik im Speziellen bekannt. Dass die Schaubühne in ihrem Zielradar aufgetaucht ist, liegt vermutlich nicht zuletzt an einem Kommentar von Gunnar Schupelius in der Boulevardzeitung B.Z. (die in dem Fall offenbar nicht zur „Lügenpresse“ gezählt wird) vom vergangenen Donnerstag.

Der AfD-Sprecher Christian Lüth hatte die Aufführung bereits am Dienstag als Zuschauer besucht und dabei gefilmt. Erst nachdem ihn ein Schauspieler ausdrücklich dazu aufgefordert und Rausschmiss angedroht hatte, schaltete Lüth die Kamera aus. Mittlerweile habe er das Bildmaterial gelöscht, behauptete der Politiker dann, nutzte jedoch die durch seine Provokation entstandene mediale Aufmerksamkeit, um „FEAR“ als „beleidigend und geschmacklos“ zu bezeichnen.

Falk Richter hat nach eigenen Angaben zahllose Hass-Mails erhalten, darunter offene Androhungen von Gewalt. An die Tür der Schaubühne wurde eine Parole gesprüht. Das Theater reagierte mit einer Presseerklärung. Darin wird auch die Berichterstattung über „FEAR“ kritisiert. Einige Berichte hätten das Stück mit Brandanschlägen auf die Autos von Beatrix von Storch und Hedwig von Beverfoerde in Verbindung gebracht und so den Eindruck erweckt, die Schaubühne würde zur Gewalt aufrufen.

Ob dieser Kommentator das Stück überhaupt gesehen hat, ist mehr fraglich.
Ob dieser Kommentator das Stück überhaupt gesehen hat, ist mehr fraglich. Foto: Screenshot Facebook

Wenn jeder dem anderen vorwirft, von ihm bedroht zu werden, ist das eine gefährliche Atmosphäre. Denn tatsächliche Gewalttaten werden in der Regel damit begründet, dass der Täter sich selbst zum eigentlichen Opfer stilisiert. Das urbane, linke und intellektuelle Milieu, das in den 1970er Jahren das Establishment der Bonner Republik attackierte, findet sich heute in die Defensive gedrängt angesichts einer perfiden Kommunikationsguerilla von rechts.

Wenn Akif Pirinçci in Dresden behauptet, die Politiker wollten Deutsche ins KZ stecken oder Tatjana Festerling sich über einen vermeintlichen „Terror der schwul-lesbisch-queren-intersexuellen Minderheit“ beschwert, „die unsere Kinder mit ihrem überzogenen Sexualscheiß schon in der Grundschule traumatisieren“, dann lässt sich darauf kaum eine rationale Antwort finden. Das sind keine Beiträge zur gesellschaftlichen Debatte, sondern Angriffe auf sie.

Falk Richters „FEAR“ zieht den Hass des Milieus auf sich, das im Stück zitiert, kritisiert und persifliert wird. Aber die wirklichen Provokateure sind momentan in Deutschland nicht reflektierende Künstler, sondern die Agitatoren der Straße, denen es immer wieder gelingt, sich selbst in den Mittelpunkt des Interesses zu bringen und dem Diskurs ihren Stempel aufzudrücken.

Die Schaubühne hat unterdessen angekündigt, strafrechtlich relevante Hass-Mails und Angriffe zur Anzeige zu bringen. “FEAR” wird ab Januar wie geplant wieder gezeigt, heißt es in der Presseerklärung. Vielleicht gelingt es den Theatermachern ja sogar, die Kontroverse aufzugreifen und das Stück im Sinne einer work in progress zu einem Beitrag werden zu lassen, der mehr ist als ein Dokument der Schockstarre.

Ratlosigkeit im bildungsbürgerlichen Glashaus. Szene aus "FEAR". Foto: © Arno Declair / Schaubühne
Ratlosigkeit im bildungsbürgerlichen Glashaus. Szene aus “FEAR”. Foto: © Arno Declair / Schaubühne

Foto oben: © Arno Declair / Schaubühne