Die imaginäre Freundin: ‚Doppelgänger‘ von Julie de Waroquier

Kinder haben häufig imaginäre Gefährten. Was jedoch geschieht, wenn Erwachsene nicht mehr wissen, was geträumt und wer real ist, fragt Julie de Waroquier mit dieser beeindruckenden und etwas verstörenden Fotoserie.

Das “Fantasiefreund“-Syndrom ist eine Neurose, ausgelöst durch überbordende Vorstellungskraft. Sie funktioniert wie ein Abwehrmechanismus in einer beängstigenden Situation. Um besser damit mit  umgehen zu können, wird ein beruhigender mentaler Begleiter imaginiert. Dieser Freund ist eine fiktionale Projektion, die nur im Verstand der Person existiert, die ihn erschaffen hat. Bei Kindern kommen sie häufig vor und gelten als harmlos. Doch imaginäre Freunde können bis ins Erwachsenenalter fortbestehen und Anzeichen eines tiefen Kummers sein.

Die Serie zeigt eine junge Frau, untrennbar verbunden mit ihrer imaginären Freundin, die wie ein identisches Double von ihr aussieht. Stück für Stück begreift sie, dass ihre Doppelgängerin nicht real ist. Sie ertränkt die Beweise ihrer Abwesenheit und wird fortan in ihrer Einsamkeit gezeigt.

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„Doppelgänger“ hinterfragt die Funktionsweise der Neurose ebenso wie die der Fotografie selbst. Traditionell erwarten wir von der Fotografie, dass sie uns die Realität zeigt. Digital nachbearbeitete Bilder werden häufig kritisiert, weil sie nicht den „wirklichen Moment“ einfangen würden.

Die digital fotografierten Bilder dieser Serie wurden nachbearbeitet. Sie stellen die Vorstellungswelt der Figur dar, in der ihr mentales Double koexistiert. Gezeigt werden sie neben unbearbeiteten Polaroid-Bildern, die die äußere Realität offenbaren, roh, als scheinbare Zeugen einer objektiven Welt. Die Bildfolge spielt mit der Wahrnehmung des Betrachters und hinterfragt das Verhältnis der Fotografie zur Wahrheit. Letztlich weiß man nicht mehr, was geträumt ist und was real. Die Fotografie verbleibt in der Vieldeutigkeit, zwischen Objektivität und Subjektivität, zwischen Zeugnis und Fiktion… ebenso wie die Figur zwischen Fantasma und Wirklichkeit oszilliert.

Text und Bilder: © Julie de Waroquier
Übersetzung: Christoph Kluge

Die französische Fotografin Julie de Waroquier wurde unter anderem mit dem „International Emerging Artist Award“ (2011-2012) ausgezeichnet. Ihr Buch „Rêvalités“ wurde 2014 von dem Regisseur Damien Steck als Kurzfilm adaptiert.

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