Donald Trump: Ein Putin-Imitator auf dem Weg in den Untergang

Im zweiten TV-Duell hat Donald Trump es geschafft, von dem desaströsen Skandalvideo abzulenken. Der Auftritt dürfte Wladimir Putin gefallen haben. Trump imitiert dessen Strategien jetzt ganz offen, allerdings etwas plump.

Inhaltlich hatte der GOP-Kandidat nichts Neues beizutragen, aber das hätte wohl auch niemand erwartet. Die meisten seiner Behauptungen sind längst widerlegt worden. Doch um die Wahrheit geht es schon lange nicht mehr. In Trumps anderthalbstündiger Performance kulminierte seine gesamte bisherige Kampagne. Der Populist demonstrierte nur eine einzige Fähigkeit: Er kann tun, was niemand wagen würde – und damit davonkommen. Trump will der amerikanische Putin sein, Autokrat nach innen und Rebell nach außen. Aber er ist es nicht.

Die Körpersprache des Kandidaten brachte offene Aggressivität zum Ausdruck, wie ein schnaufender Stier kreiste er durch die Manege. Ein allzu offensichtlicher Versuch, psychologischen Druck aufzubauen. Dabei kam ihm das im Vergleich zur ersten Debatte gelockerte Format zupass. Ende September mussten die Protagonisten steif hinter einem Pult stehen, diesmal durften sie sich bewegen. Immer wieder gelang es dem TV-erfahrenen Selbstdarsteller, sich so im Bildausschnitt der Kamera zu positionieren, dass er als dominanter Herausforderer erschien.

Zahlreiche Twitter-Nutzer reagierten verwundert.

Doch das seltsame Spiel war weder Zufall noch Improvisation. In einem Tweet freute sich Trumps Kampagnenmanagerin Kellyanne Conway über die Reaktionen:

Die Strategen haben die Empörung des gegnerischen Lagers einkalkuliert. So soll eine schwache Position in eine starke verwandelt werden. Kraftmeierei lenkt von der eigenen Unzulänglichkeit ab. Unmittelbar vor dem TV-Duell präsentierte Trump auf einer Pressekonferenz mehrere Frauen, die Bill Clinton sexuelle Übergriffe vorwarfen und das Opfer eines Vergewaltigers, den Hillary Clinton in den 1980ern als Rechtsanwältin vor Gericht verteidigt hatte. Trump wollte einen neuen Skandal produzieren, um von seinem infamen “grab ’em by the pussy”Video abzulenken. Letztlich eine Variante der sogenannten Whataboutism-Strategie, bei der die Glaubwürdigkeit der gegnerischen Position angegriffen wird.

Clinton wird so in eine Zwickmühle gezwungen. Lässt sie sich auf den Schlagabtausch ein – der in diesem Fall wortwörtlich unter die Gürtellinie geht – dann bestätigt das nur die Behauptung, dass alle Beteiligten irgendwie gleichermaßen Dreck am Stecken haben. Tut sie es nicht, wirkt sie schwach und zögerlich – dann wird ihr eben das zum Vorwurf gemacht. Trump hat das Konzept der Außenpolitik Putins verstanden, den er nach eigenen Angaben bewundert. Unter Druck versucht er nun seinerseits, eine Strategie der vorgetäuschten Stärke auf die Endphase des eigenen Wahlkampfs anzuwenden.


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Im TV-Duell drohte Trump ganz offen, Hillary Clinton ins Gefängnis werfen zu lassen, sollte er an die Macht kommen. Ein Video der Bemerkung ziert inzwischen die Startseite der Kampagnen-Website. Eine konsequente Fortsetzung früherer Polemik: Im Sommer hat Trump seine Anhänger immer wieder dazu animiert, frenetisch „Lock her up!“ zu brüllen. Indem er Hass auf die Demokratin schürte, holte er auch kritische Republikaner auf seine Seite. Damals war das irres Geschrei, jetzt klingt es wie ein politisches Programm: Trumps Amerika wäre ein autoritärer Willkürstaat. Anhänger der Demokraten reagierten alarmiert.

Das rechtskonservative News-Portal Breitbart News hingegen steht weiterhin fest an der Seite des GOP-Kandidaten, auch wenn zahlreiche prominente Republikaner kurz nach den Video-Enthüllungen dessen Lager verlassen haben. Seit heute ist auf der Breitbart-Startseite eine bemerkenswerte Anzeige der Trump-Kampagne zu sehen: Der Tycoon steht im Dunkeln, durch einen gerahmten Spiegel fixiert er den Betrachter herausfordernd. Im Hintergrund eine geschlossene Tür, daneben ein verlockendes Angebot als Slogan: „It’s us against the world. Join me“.

Screenshot von breitbart.com
Screenshot von breitbart.com

„Wir“ sind also umzingelt von Feinden, die wir anscheinend bisher nicht bemerkt haben. Die „Welt“ wird kontrolliert von einer übermächtigen Ordnung, gegen die nur ein einsamer Rebell aufbegehrt. So weit, so paranoid. Der Wähler ist Bonny, Trump ist Clyde. Wollen wir ihm in den schicksalsträchtigen Kampf folgen? Man muss sich schon ein wenig konzentrieren, um nicht zu vergessen, dass es bei all der Outlaw-Romantik eigentlich darum geht, dass der millionenschwere Erbe eines Bauunternehmers zu all seinem Reichtum auch noch das mächtigste politische Amt der Welt haben möchte.

Als verhasster aber gefürchteter Politiker lässt es sich gut leben, solange man eine gewisse Basis hat, das beweist der russische Präsident in besonderem Maße seit 2014. Auch Putin hat keine eigene Vision für die Zukunft seines Landes. Seine gesamte Rhetorik ist düster und negativ, sie bezieht ihre Anziehungskraft nur aus der Ablehnung und dem Ressentiment. Mit Pseudo-Argumenten wird jede Diskussion ins Groteske verzerrt, Sachlichkeit verunmöglicht. Eine solche Stimmung lässt autoritäre Führerfiguren besonders attraktiv erscheinen. Putin hat es geschafft, sich zum letzten aufrechten Kämpfer gegen weltumspannende Verschwörungen zu inszenieren, obwohl er eigentlich nur der Staatschef eines überdurchschnittlich korrupten Landes ist.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Wenn der russische Präsident direkt oder indirekt Drohungen ausspricht, dann ist das kein bloßes Schauspiel für die Kamera. Heute gibt es keine nennenswerte Opposition und keine Gegenkandidaten in Russland, nicht einmal so schwache wie Clinton. In diese Position zu kommen, hat ihn viele Jahre und zahlreiche Mühen gekostet. Nicht einmal Putin hat versucht, allein mit Einschüchterung und Angstpropaganda einen Wahlkampf zu gewinnen. Wenn der Kreml mit seiner Propaganda alternative Wirklichkeiten erschafft, etwa die eines drohenden Atomkriegs, dann steckt dahinter stets ein machtstrategisches Kalkül.

Trump hingegen spielt die Rolle des gefährlichen Schurken im Fernsehen – und er hält seine Show für die Wirklichkeit.

Es mag manch einen erschaudern, wie viele Fans er damit findet. Doch wie viele Wähler werden sich davon angesprochen fühlen, wenn sie nicht schon im Trump-Lager sind? Die “Wir gegen die Welt”-Mobilisierung erinnert an die Paranoia der McCarthy-Ära, erreicht aber nur fanatische Trump-Supporter. Im Zuge der jüngsten Eskalationen wurde offenbar der Versuch aufgegeben, liberalere und unentschlossene Wähler zu ködern. Die wären allerdings für eine Mehrheit notwendig. Auch pragmatische Konservative wie Paul Ryan wollen lieber vier Jahre Clinton ertragen, als sich ohne Not mit der ganzen “Welt” anzulegen.

Trumps Götterdämmerung setzt bereits vier Wochen vor der Wahl ein.