Django im Grenzland: der Kartell-Thriller ‚Sicario‘ von Denis Villeneuve

Villeneuves Thriller ist tatsächlich ein Western, der verschiedene Vorstellungen von Recht verhandelt. Um die US-amerikanische Zivilisation vor dem Einbrechen extremer Gewalt zu schützen, bedarf es der Hilfe eines Akteurs, der die Regeln bricht.

Mexiko steht in der neueren Hollywoodtradition regelmäßig stellvertretend für den Old West und erscheint als ebenso verheißungsvolle wie gefährliche Region, in die man sich beispielsweise vor der Strafverfolgung flüchten kann, um ein neues Leben zu beginnen. Einige Thriller der vergangenen Jahre haben jedoch den Fokus auf die parastaatliche Macht der Drogenkartelle im Norden des Landes verschoben, die nun vor allem als potenzielle Bedrohung für das US-Kernland gezeigt wird.

David Ayers „End of Watch“ von 2012 etwa imaginierte ein Übergreifen des militärisch geführten Bandenkrieges auf die Straßen von Los Angeles. In „Sicario“ (2015) von Denis Villeneuve geht es nun genau darum, ein solches Eindringen einer als fremd markierten, extremen Form der Brutalität in die US-amerikanische Zivilgesellschaft zu verhindern. Die idealistische FBI-Agentin Kate (Emily Blunt) schließt sich einer dubiosen Spezialtruppe der CIA an, die unmittelbar an der Grenze operiert.

Die mit einem Zaun befestigte Staatsgrenze zwischen El Paso und Juarez wird zur Zivilisationsgrenze stilisiert, hinter der die entfesselte Brutalität den Alltag bestimmt und verstümmelte Leichen an der Straße aufgehängt werden wie in vormodernen Zeiten. Als die Sondereinheit, offensichtlich Vorschriften missachtend, einen Einsatz auf der anderen Seite ausführt, erinnert die Darstellung an Bilder aus dem Irakkrieg, der mittlerweile anscheinend direkt vor der Haustür angekommen ist.


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Im Gegensatz zur überforderten und von Gewissensbissen gequälten Kate ist Alejandro (Benicio del Toro) in der archaischen Welt zu Hause, die eine Art Last Frontier zu sein scheint. Der schweigsame Auftragskiller arbeitet für die CIA, verbirgt aber seine wirklichen Motive. Wie Sergio Corbuccis Django“ (Franco Nero, 1966) bekämpft er das Böse, aber mit äußerst fragwürdigen Methoden – und aus ebenso fragwürdigen Gründen, denn er befindet sich auf einem privaten Rachefeldzug.

Obwohl alle wichtigen Figuren in Sicario in irgendeiner Weise für Recht und Gesetz kämpfen – oder das zumindest vorgeben – unterscheiden sie sich doch erheblich in ihrem Verhältnis dazu. Der CIA-Agent Matt (Josh Brolin) hat für Vorschriften nur Zynismus übrig und handelt nach einer machiavellistischen Logik der Macht, was auf die vehemente Ablehnung der naiv-idealistischen Polizistin Kate stößt. Der Killer Alejandro aber steht für ein drittes Paradigma.

Als sozialer Grenzgänger zwischen Natur und Gesellschaft – wie ihn Jan-Philipp Reemtsma in „Vertrauen und Gewalt“ eben in Django, aber auch in Schillers „Wilhelm Tell“ erkennt – erfüllt Alejandro vielleicht einen Zweck zur Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung (vielleicht auch nicht, das Ende des Films lässt das eher offen). Aber tatsächlich handelt er nach vormodernen Prinzipien wie Ehre oder Blutrache und gibt sich damit als fremdartiger Bewohner eines Gewaltraums zu erkennen, der das Publikum schaudern lässt.

 

Foto oben: © Richard Foreman Jr. | SMPSP