Diener der Schönheit: die erotischen Zeichnungen des Franz von Bayros [NSFW]

Franz von Bayros‘ erotische Grafiken waren um die Jahrhundertwende umstritten und sind heute fast vergessen. Zur Zeit ihrer Entstehung waren sie Teil einer hitzigen Debatte um die Idee der Sexualität.

Als der Buchdruck um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Deutschland eine neue Blüte erlebte, eröffnete sich für den Grafiker Franz von Bayros (1866-1924) ein weites Betätigungsfeld. Die zarte Linienführung und die immense Detailfülle seiner Feder- und Bleistiftzeichnungen trafen den Geschmack des Fin de Siècle, unter anderem als Illustrationen der deutschen Ausgaben des Romans „Manon Lescaut“ des Abbé Prevost oder von John Clelands Briefroman „Memoiren der Fanny Hill“.

In Bayros‘ Wahlheimat München fanden seine größtenteils erotischen Zeichnungen mit ihrem mehr oder weniger subtilen Humor, denen italienische sowie japanische Einflüsse nicht fremd waren, große Beachtung unter Kunstfreunden und Bohemiens. Allerdings auch bei der Staatsanwaltschaft, vor deren Anklage der Zeichner 1911 aus der Stadt floh. Die Auseinandersetzung mit konservativen Moralhütern führte in der Folge immer wieder zu wirtschaftlichen und juristischen Schwierigkeiten.

 

 

In einer ungarischen Kunstzeitschrift äußerte sich von Bayros leidenschaftlich erbost zur Kritik an seinem Werk:

„Warum will denn die Welt nicht einsehen, daß die Moral in der Kunst einzig und allein im Geschmack besteht, und nicht in den Paragraphen der Gesetzbücher, die von ein paar Bettelschwestern und von senilen Eunuchen erfunden worden sind. […] Nur die Verärgerten, die Stiefkinder des heiteren Lebens, die keinen Sinn für Schönheit haben, können sich über ein Witzwort oder eine etwas gewagte Zeichnung entrüsten.“

Der Künstler reagiert auf den Vorwurf, er würde die Sittenstrenge unterwandern, indem er seinen Gegnern unterstellt, nur aus Verbitterung über die eigene Unzulänglichkeit und Unattraktivität eine heuchlerische Moral zu predigen. Dem Zeistgeist entsprechend stellt er körperliche Schönheit, geistige Gesundheit und die Befähigung zur Kultiviertheit in einen direkten Zusammenhang und beruft sich sogar auf die höchstmögliche Instanz, um seiner umstrittenen Passion doch noch Legitimität zu verschaffen:

Ich sage es noch einmal, wie ich es am Tage des jüngsten Gerichts sagen werde: Ich habe immer nur der Schönheit gedient, jener göttlichen Schönheit, die ich im geringsten Geschöpfe dieser Welt bewundere, die ich anbete in allen ihren Verkörperungen, besonders aber im Menschen.“ (zitiert nach Rudolf Brettschneider: Franz von Bayros, Bibliographie und beschreibendes Verzeichnis seiner Exlibris. Leipzig 1926; S. XIII-XV.)

Während des Ersten Weltkriegs entwickelte sich Franz von Bayros zum deutschnationalen Patrioten, die Niederlage machte ihm schwer zu schaffen. Seine letzten Lebensjahre verlebte er in Wien, wo er unter anderem eine viel beachtete Jubiläumsausgabe von Dante Alighieris „Göttlicher Kommödie“ mit insgesamt 60 Aquarellen illustrierte. Der große Erfolg des ernsteren Spätwerks versöhnte auch manchen Kritiker mit dem Zeichner, der in seiner Person diverse Widersprüche der Moralvorstellungen seiner Epoche vereinte.

Es wäre wohl vollkommen falsch anzunehmen, die erotischen Grafiken seien ihrer Zeit voraus gewesen. Im Gegenteil könnte man im Sinne Foucaults behaupten, dass die damaligen Moralisten und die sogenannten Erotomanen, zu denen man Franz von Bayros zählen kann, letztlich unbewusst an einem gemeinsamen Projekt arbeiteten, indem sie die zeitgenössische Vorstellung einer „natürlichen“ Sexualität, um deren Einordnung und Beurteilung sie sich so erbittert stritten, im Zuge ihrer Kontroverse erst konstruierten.


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Alle Bilder: gemeinfrei