„Hölle von Scampia“: Camorra-Ghettos in Neapel, fotografiert von Salvatore Esposito

Der Fotograf und Filmemacher Salvatore Esposito dokumentiert das Leben in den vom Verbrechen geprägten Bezirken seiner Heimatstadt Neapel. Im Interview erzählt er seine Eindrücke aus der Macho-Welt des organisierten Verbrechens.

Bei der Serie handele es sich um Fiktion, erinnert mich Salvatore Esposito, und die habe mit seiner eigenen, dokumentarischen Arbeit nur wenig gemein. In düsteren Schwarz-Weiß-Fotografien zeigt er das Elend in den Stadtteilen, die von Drogenhandel und Gewalt beherrscht werden. Niemand wächst etwa in Scampia auf, ohne in irgendeiner Form mit der Camorra in Berührung zu kommen, meint Esposito.

Andere Gegenden werden von nigerianischen Gangs kontrolliert, die in einem spannungsvollen Verhältnis zu den etablierten italienischen Gangstern stehen. Während die Staatsgewalt an den Brennpunkten praktisch gar nicht in Erscheinung tritt, regieren in Gefängnissen nicht selten Machtmissbrauch und Willkür.

 

Scampia, Neapel: Im Hintergrund sind die berüchtigten "Segel"-Wohnblöcke zu sehen. (© Salvatore Esposito / Contrasto)
Scampia, Neapel: Im Hintergrund sind die berüchtigten „Segel“-Wohnblöcke zu sehen. (© Salvatore Esposito / Contrasto)

 

In der Serie „Hell of Scampia“ zeigst du Drogendealer und –abhängige, anscheinend an den Orten, an denen sie normalerweise rumhängen. Wie hast du es geschafft, so nah heran zu kommen?

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Mit dem Fotografieren für dieses Projekt habe ich 2007 begonnen. Ich denke, es war das Schwierigste, was ich in meinem Leben je versucht habe, das Vertrauen dieser kriminellen Jugendlichen zu gewinnen. Insgesamt habe ich zweieinhalb Jahre an dem Projekt gearbeitet. In den ersten sechs Monaten war ich ohne Fotoapparat mit den Jungs unterwegs und versuchte nur, akzeptiert zu werden und ihr Misstrauen zu überwinden.

Schwer zu erklären, wie man in so einem Umfeld zurechtkommt, es hängt von vielen Dingen ab. Natürlich muss man vorgestellt werden. Ich kannte einen der jungen Drogendealer, der mich in ihre Welt eingeführt hat. Der Rest kam langsam, aber mit großen Schwierigkeiten, denn in einer solchen Umgebung, die von der Mafia dominiert wird, ist das Misstrauen ein allgegenwärtiges Gefühl.

Manche Gangster sollen nicht die beste Meinung von Journalisten haben… habe ich gehört. Bist du jemals persönlich in Schwierigkeiten geraten?

Reporter zu sein, das ist gleichbedeutend mit Polizist, und das hat mir leider nicht gerade geholfen. Ich denke, einer der Gründe dafür, dass ich dennoch akzeptiert wurde, war, dass ich „mit offenen Händen“ gekommen bin – also keine Gefahr darstellte – und weil ich keine Vorurteile gegen sie hatte. Für mich war es sehr gefährlich, dort zu arbeiten. Es ist ein riskanter Ort, aber niemand hat mich gezwungen, dort hinzugehen, deshalb musste ich die Risiken akzeptieren.

Mich hat niemand bedroht, aber es gab ein paar Typen, denen ich lieber aus dem Weg gegangen bin. Jeden Tag wurden Dealer verhaftet und ich hatte Angst, dass es zum Beispiel eine Razzia geben könnte, nachdem ich tagsüber dort gearbeitet habe, und ich daraufhin für einen Spitzel gehalten würde. Dazu braucht es nicht viel in diesem Umfeld. Ich konnte nie ganz frei arbeiten. Und ich habe immer mehrmals überlegt, bevor ich ein Bild gemacht habe, auch wenn ich die Erlaubnis hatte. Aber am Ende hatte ich wohl immer Glück.

 

Eine Wohnung in den "Segeln": ein 16jähriger Dealer mit seiner 7,65 Kaliber Pistole. (© Salvatore Esposito / Contrasto)
Eine Wohnung in den „Segeln“: ein 16jähriger Dealer mit seiner 7,65 Kaliber Pistole. (© Salvatore Esposito / Contrasto)

 

Viele Typen, die im Drogenhandel arbeiten, haben sehr früh angefangen. Warum lassen sie sich darauf ein? Und wie kommen sie dazu?

Meiner Ansicht nach sind viele der jungen Typen in das organisierte Verbrechen verwickelt, weil sie aus einem Stadtviertel kommen, das ihnen das wichtigste nicht bieten kann: einen Job. Manche entscheiden sich bewusst für den Gangster-Lifestyle. Aber andere landen dort ganz einfach, weil sie in der falschen Nachbarschaft oder der falschen Familie aufgewachsen sind.

Die meisten dieser “Freelancer”, wie du sie nennst, sind offenbar männlich. Wie wichtig ist es für einen jungen Typen, der in Scampia aufwächst, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen und für die Familie zu sorgen?

Als Mann musst du dich selbstverständlich stark mit den Vorgängen in deinem Viertel auseinandersetzen, das ist eine Notwendigkeit um zu überleben und womöglich auch, um das Oberhaupt der Familie zu werden. Auf diese Weise kann man beweisen, dass man ein richtiger Kerl ist und die Familie ernähren kann. Hinzu kommt, dass die Eltern oft im Gefängnis sind.

Was tun die Mädchen? Wie beeinflusst die kriminelle Welt die Leben junger Frauen in diesen Gegenden?

Das Leben der Mädchen ist ganz anders als das der Männer. Ihre traditionelle Rolle besteht vor allem darin, den Mann zu unterstützen. Zumeist heiraten sie sehr früh und kümmern sich dann um Haushalt und Familie. Aber häufig kommt es vor, dass sie schon bald allein für die Kinder sorgen müssen, weil der Ehemann im Gefängnis ist oder ermordet wurde. Ich denke, das ist kein Leben.

 

Die Boxschule von Giugliano Salvatore Pizzo. (© Salvatore Esposito / Contrasto)
Die Boxschule von Giugliano Salvatore Pizzo. (© Salvatore Esposito / Contrasto)

Du hast auch Boxer in einem Gym fotografiert. Was bedeutet der Sport für sie?

Ich habe Bilder gemacht von den toughen Jungs beim Boxen, weil das eine gute Medizin für sie ist. Das Boxen kann diese Typen retten.

Wie meinst du das?

Boxen bringt den Jungs Disziplin bei und den Respekt vor Regeln und anderen Menschen. Durch die körperliche Verausgabung lernen sie, ihren Körper zu kontrollieren und ihr Temperament.


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Castel Volturno ist eine kleine Küstenstadt, in der viele Migranten leben. Robert Saviano zufolge kontrollieren afrikanische Kriminelle das Gebiet, seit die Camorra es ihnen überlassen hat. Stimmt das? Wie hast du den Ort erlebt, als du dort fotografiert hast?

Ja, in Castel Volturno hat die Camorra das Drogengeschäft an die Nigerianer delegiert. Als ich dort fotografiert habe, hatte ich viele Schwierigkeiten, denn es ist eine andere Welt. Der italienische Staat hat diese Gegend gänzlich aufgegeben. Es gibt eine Vielzahl krimineller Aktivitäten, vom Drogenhandel über Schwarzarbeit und  illegale Bauten bis hin zum Deponieren von Giftmüll. Ein Land so gnadenlos wie seine Bewohner, das keinen Raum für jemanden bietet, der von außen kommt.

Wie beeinflusst die wachsende Zahl von Flüchtlingen die Situation?

Die Situation ist im Grunde längst außer Kontrolle. Es ist eine soziale Bombe, denn die Anzahl der Migranten wächst und das Gebiet hat nicht die Ressourcen, um sie zu versorgen.

 


Protagonisten von „Cell Zero“ (© Salvatore Esposito / Contrasto)

 

In deinem Doku-Kurzfilm “Cell Zero” (siehe unten) sprechen ehemalige Häftlinge über Folter im Gefängnis. Sie behaupten, die Wächter hätten totale Macht über sie gehabt, sie sogar töten können. Sprechen sie von einem außergewöhnlich schrecklichen Gefängnis oder sind das gewöhnliche Erfahrungen?

In „Cell Zero“ geht es um das Gefängnis Poggioreale in Neapel. Einige der Wärter schlugen Insassen aus trivialen Gründen, im Falle von Federico Perna sogar bis zum Tod. Mittlerweile gibt es eine gerichtliche Untersuchung in der Angelegenheit und diese Form der Folter ist dort nicht mehr alltäglich.

Medienberichten zufolge hat Neapel in den letzten Monaten wieder eine Eskalation der Camorra-bezogenen Gewalt erlebt. Eine junge Generation von Gangstern kämpft um Einfluss. Wie wirkt sich das in der Stadt aus?

Diese neuen Kriege zwischen den Jungen machen die Stadt natürlich unsicherer und insgesamt gewalttätiger. Diese Typen sind wilder wegen ihres jugendlichen Alters und sie wollen sich unbedingt behaupten.

Alle Fotos: Salvatore Esposito

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In Salvatore Espositos Kurzfilm „Cell Zero“ (OT: „La Cella Zero“) kommen ehemalige Gefängnisinsassen zu Wort. Die Männer sprechen über ihre drastischen Gewalterfahrungen im Knast Poggioreale. Der Film hat bereits mehrere Preise gewonnen, unter anderem als beste Reportage beim Napoli Film Festival sowie beim Coffi Film Festival.

Hier in voller Länge (Italienisch, mit englischen Untertiteln):