Der Performance-Künstler Pjotr Pawlenski legt Feuer an Putins Geheimdienst-Zentrale

Der umstrittene russische Konzeptkünstler Pjotr Pawlewski hat die Tür der Lubjanka im Zentrum Moskaus in Brand gesetzt. Das Gebäude ist seit der Oktoberrevolution 1917 als Hauptquartier und Gefängnis des Geheimdienstes berüchtigt.

Die Lubjanka war Ende des 19. Jahrhunderts als Sitz einer Versicherungsgesellschaft errichtet worden. Unmittelbar nach der Oktoberrevolution ließ Felix Dserschinski das Gebäude beschlagnahmen und baute von dort die “Tscheka” aus, die erste sowjetische Geheimpolizei. Deren Nachfolgerorganisationen internierten und töteten unzählige Menschen an diesem Ort, die meisten während Stalins Säuberungen.

Die ukrainisch-deutsche Schriftstellerin Katja Petrowskaja (“Vielleicht Esther”), die Mitte der 1990er Jahre im Archiv der Geheimdienstzentrale recherchieren wollte, schrieb über das Gebäude:

Jedesmal, wenn ich an die Lubjanka dachte, Gefängnis und Folterzentrale […], dachte ich an Organe. Wir haben diese Behörde immer als Organy bezeichnet, er arbeitet in den inneren Organen, hieß es, und damit hatten sie Macht über unser Inneres, oder man sagte einfach Er arbeitet in den Organen, als gäbe es einen Organismus, der uns alle verschluckt hat.

Obwohl ihr damals bewusst gewesen sei, dass für sie als Besucherin keine Gefahr bestand, in den Zellentrakten zu verschwinden, habe sie eine “Urangst” verspürt allein beim Gedanken an dieses Haus und es letztlich nicht betreten können.

2010 war eine Geheimdienstzentrale in St. Petersburg schon einmal Ziel eines künstlerischen Attentats. Das Kollektiv Woina, aus dessen Umfeld später Pussy Riot hervorging, malte einen gigantischen Penis auf eine Zugbrücke direkt gegenüber des Gebäudes. Als die Brücke geöffnet wurde, richtete sich das Glied direkt vor den Augen der Geheimpolizisten auf.

Der in Leningrad geborene Pjotr Pawlewski ist in den vergangenen Jahren immer wieder durch radikale Aktionen aufgefallen. Er wickelte sich unter anderem nackt in Stacheldraht, um gegen das “repressive Rechtssystem” zu protestieren. 2013 nagelte nagelte er seinen Hodensack auf dem Roten Platz fest. Diese Aktion sollte auf die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber staatlicher Kontrolle aufmerksam machen.


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Im vergangenen Jahr setzte sich Pawlewski auf das Dach des Serbski-Instituts und schnitt sich dort einen Teil des eigenen Ohrs ab, um auf die Psychiatrisierung von Regimegegnern hinzuweisen. Diese Praxis aus der Sowjetunion wird sich seiner Ansicht nach in der Russischen Föderation fortgesetzt. Das Serbski-Institut hatte kurz zuvor Michail Kosenko für geisteskrank erklärt und war dafür unter anderem von der Menschenrechtsorganisation Memorial kritisiert worden.

In einem Statement zu seiner Lubjanka-Aktion warf der Künstler dem Inlandgeheimdienst FSB nun vor, “146 Millionen Menschen” mit permanenten Terror in einem Zustand der Angst zu halten, um ihren Willen zu brechen. Bereits nach 30 Sekunden wurde er festgenommen. In einem YouTube-Video ist Pawlewski zu sehen, der mit dem zur Tat verwendeten Benzinkanister in der Hand vor der brennenden Tür steht.

Der Künstler wurde wegen groben Unfugs und “Hooliganismus” angeklagt. Ihm drohen bis zu drei Jahre Haft im Falle einer Verurteilung. Zwei am Ort des Geschehens ebenfalls festgenommene Journalisten wurden mittlerweile entlassen.

Foto oben: © varlamov.ru