Der “meist verleumdete Mann 2015”: Varoufakis in Berlin

Ins “Zentrum des Übels” hatte die Berliner Volksbühne Yanis Varoufakis am 6.10.2015 eingeladen, in die deutsche Hauptstadt, “die Höhle des Zuchtmeisters”. Der Gast erläuterte seine Vision für ein gerechtes Europa.

Die Begeisterung der internationalen Linken über die griechische „Oxi“-Kampagne und die anschließende Enttäuschung sei nichts weiter als eine „Masturbation“ gewesen, sagt der kroatische Philosoph Srećko Horvat zu Beginn der Veranstaltung. Eine narzistisch motivierte Investition in ein längst verlorenes Objekt, nicht eingestandene Impotenz, die letztlich in Melancholie enden musste. Auch der aktuelle Enthusiasmus vieler europäischer Linker für den neuen Labour-Chef Jeremy Corbyn werde kein anderes Ergebnis haben, weil derselbe Fehler wiederholt wird.

Damit hat Horvat, gemeinsam mit Slavoj Žižek Autor von „Was will Europa?: Rettet uns vor den Rettern“, im Grunde bereits sein rhetorisches Pulver verschossen, den Rest des Abends wird er – gemeinsam mit Franco „Bifo“ Berardi („Der Aufstand: Über Poesie und Finanzwirtschaft“) und Moderator Guillaume Paoli – nur noch  als Stichwortgeber für den Stargast fungieren. Das „Große Haus“ der Volksbühne ist ausverkauft, sogar vor einem draussen aufgestellten Beamer drängeln sich die Interessierten.

Yanis Varoufakis befindet sich momentan auf Europa-Tour. Vor wenigen Tagen wetterte er auf der Moskauer Biennale nicht nur gegen das Design der Euro-Note, sondern äußerte sich auch Putin-kritisch. Diese Passagen seiner Rede seien vom russischen Fernsehen weggeschnitten worden, sagt der ehemalige griechische Finanzminister nicht ohne Stolz. Während seiner Amtszeit hatte die Syriza-Regierung außerhalb der EU nach Geldgebern gesucht, unter anderem in Moskau, und war dabei letztlich erfolglos geblieben. Als herausragender Kreml-Kritiker war der Politiker in dieser Zeit nicht aufgefallen.


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Aber was hat der Autor von „Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise“ seinem Berliner Publikum nun zu sagen? Er kritisiert etwa das Demokratiedefizit der Europäischen Union und den Einfluss von nicht gewählten Wirtschaftsfachleuten. Als Finanzminister habe er, ebenso wie seine Kollegen, nur unzureichende Informationen über viele Sachverhalte bekommen und sei zu „vorverpackten Entscheidungen“ gedrängt worden. Mit den Griechenland-Paketen retten sich in Wirklichkeit die Banken selbst. Der Finanzsektor steht außerhalb der politischen Kontrolle. Das meiste davon dürfte den Zuhörern soweit bekannt gewesen sein.

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Um das Dilemma zu lösen, müssen Geld und Macht demokratisiert werden, sagt Varoufakis etwas nebulös. Das könne nur eine pan-europäische, demokratische und linke Bewegung erledigen. Nationale Sonderwege wären grundsätzlich keine Option mehr. Das klingt glaubhaft aus dem Mund von einem Ex-Minister, der kürzlich genau damit gescheitert ist, könnte man an dieser Stelle spötteln. Kritik an der deutschen Politik und Medienwelt übt der, laut Volksbühnen-Homepage, hierzulande „meist verleumdete Mann des Jahres 2015“ kaum, auch wenn der Moderator ihn immer wieder dazu ermuntern möchte.

Varoufakis‘ Zukunftsvision setzt große Hoffnungen in den technologischen Fortschritt. Es müsse in alternative Energien und innovative Konzepte investiert werden, dann würden auch andere gesellschaftliche Probleme gelöst. Wenn Europa Geld in „ostdeutsche Start-Ups“ steckt, wird Pegida keinen Zulauf mehr haben, behauptet der Ökonom und Buchautor etwa. Dinge und Programme können immer günstiger produziert werden, daher werden große Konzerne bald überflüssig werden, erfahre ich staunend. Europa braucht einen „New Deal“, Zinseinnahmen der EZB sollen Armen zugutekommen.

Allem Anschein nach hat der ehemalige Dozent und Minister Ambitionen, sich als eine Art Al Gore des Antikapitalismus zu profilieren. Seine Ideen sind ebenso wohlklingend wie vage formuliert, die konkretesten Stellen sind gleichzeitig die obskursten. Schwer vorstellbar, dass die europaweite Bewegung, die Varoufakis sich vorstellt, durch sehr viel mehr zusammengehalten würde als durch das – zweifelsohne vorhandene – persönliche Charisma ihrer Gallionsfigur. Letztlich wird aber auch der Versuch unternommen, eine Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit zu formulieren, die europäisch funktioniert und nicht nationalstaatlich. Ob die europäische Linke damit das Ende der „Masturbation“ erreicht hat, bleibt abzuwarten.

Den gesamten Mitschnitt der Diskussion gibt es auf Vimeo zu sehen.

Foto oben: Varoufakis auf der Biennale Moskau.
Flickr | Valerij Ledenev | CC 2.0

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