Ägypten: in „Project Speak2Tweet“ spricht das kollektive Gedächtnis einer Revolution

Während der Proteste gegen den Diktator Mubarak sendeten Tausende Ägypter Voice-Botschaften voller Wut, Angst und Hoffnung ins Internet. Die Medienkünstlerin Heba Amin hat die emotionalen Nachrichten in einem Archiv zusammengetragen.

Im Januar 2011 schaltete der ägyptische Präsident Husni Mubarak den Internetzugang für 80 Millionen Ägypter komplett ab, weil er hoffte, so die Massenproteste gegen seine Herrschaft ersticken zu können. Beim Regierungssturz in Tunesien hatten kurz zuvor soziale Medien eine entscheidende Rolle gespielt, die autoritären Regime der Region sahen sich mit einer neuartigen, kaum kontrollierbaren Entwicklung konfrontiert. Um den Menschen in Ägypten dennoch Zugang zu den sozialen Netzwerken zu ermöglichen, richteten Google und Twitter den Service „Speak2Tweet“ ein, über den Sprachmitteilungen per Telefonanruf aufgenommen und online gepostet werden konnten.

Die Kunst-Aktivistin und Kulturwissenschaftlerin Heba Amin ist hierzulande vor allem bekannt geworden durch ihre Beteiligung an der subversiven Aktion „Homeland ist rassistisch“ vor einigen Wochen. Als 2011 die Revolution ausbrach, unterrichtete sie gerade als Gastprofessorin an der HTW Berlin und verfolgte die Entwicklungen über das Internet und ihre persönlichen Kontakte. In den Audio-Aufzeichnungen von „Speak2Tweet“ erkannte Amin einen einzigartigen Einblick in die kollektive Psyche ihres Heimatlandes und hat so viele von ihnen gespeichert wie es ihr möglich war. Entstanden ist ein Archiv von mehreren Tausend Dateien.


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Zu dem Zeitpunkt des internet shutdowns waren die Menschen bereits auf den Straßen. Die Protestbewegung fand schnell andere Möglichkeiten zur Mobilisierung. Dennoch hatte sich die Existenz von „Speak2Tweet“ herumgesprochen und der Service wurde intensiv genutzt. Nicht zum Austausch von Informationen – die hätten ohnehin nur über eine zweite, weniger bekannte Telefonnummer abgerufen werden können. Die Anrufer sprachen vielmehr über ihre persönlichen Eindrücke und Gefühle, den meisten war dabei offenbar bewusst, dass ihre Botschaften vor allem im Ausland angehört werden würden. Aus vielen spreche der Wunsch, nicht in Vergessenheit zu geraten, meint Amin.

Die Besonderheit im Vergleich zu anderen Formen der Internet-Dokumentation sei der Klang der Stimme, der einen emotionalen Zugang ermögliche, schreibt die Künstlerin. Nicht alle Anrufer waren tatsächlich Teilnehmer der Proteste, viele hielten sich außerhalb des Zentrums in ländlichen Gegenden auf oder im Ausland und brachten dennoch ihre Anteilnahme mit den Ereignissen zum Ausdruck. Obwohl die Nachrichten prinzipiell anonym abgegeben werden konnten und vom System automatisch unter dem Hashtag #Egypt veröffentlicht wurden, nannten viele Menschen freiwillig ihre Namen und zeigten so, dass sie keine Angst vor möglichen Repressalien hatten. Freiwillige übersetzen einen Teil der Aussagen ins Englische.

I dedicate this poem to the heroes of Tahrir, I was chanting it years ago when I was at the Natrun prison camp where I was imprisoned in 1994. I was the youngest ideological prisoner in Egypt. I experienced the injustice and humiliation that no child has ever seen. I was resident in ten different prison camps, the ugliest jailers, the ugliest prison cells, the worst sorts of torture I’ve ever seen. But now, my wound is healing when I see the heroes of liberation – Tahrir -, the healers of my wound, the wound that’s been bleeding all my life, the bleeding wound that I’ll take to my grave with it still bleeding.

I’m the son of the Nile – listen to my reciting & hymns, Crying the ruins of our glory – with bitter tears deeply saddening me, what deep sorrow I have for our past times, I cry the wasted ages, I wonder if the past will come back for my singing and music, I’m the son of the Nile – longing for a sunrise to brighten me, Longing for a revolution by my brave people like a sweeping volcano, An altar calling upon me liberating our Egypt the holiest of holy, An altar stoning the followers of evil with burning fires, I’m the flood that is watching them, giving them a chance for a little while longer, I watch the tears of children, with overwhelming deep pain, And I count the bleeding drops into the vein of my veins, I’m the history that will not be merciful, sharpening my knife, The fires of injustice are scorching me, thus, will harvest them without remorse, Thank you, Abu Naseer El Sohaji.
(Aufnahme vom 5. Februar 2011; übersetzt von der Initiative “Alive in Egypt”)

Heute sind die Audiodateien nicht mehr online verfügbar. Heba Amin hat einige der Monologe mit Super-8-Videomaterial kombiniert, das sie in den Jahren vor dem Umsturz in den zahlreichen Investruinen Kairos aufgenommen hatte. Diese unvollendeten Bauten symbolisieren für sie die Korruption der Mubarak-Ära. Die so entstandenen Filme wurden zwischen 2011 und 2013 bei diversen internationalen Kunstfestivals gezeigt, etwa bei der WRO International Media Art Biennale in Wrocław oder der Hybrid City Conference in Athen. Aktuell arbeitet Amin an einer Internet-Plattform, die die Original-Tondokumente wieder öffentlich zugänglich machen soll.

Die Stimmen aus der Zeit des Aufbruchs erinnern an die vergangene Hoffnung auf ein weniger korruptes und weniger autoritäres Ägypten, das momentan wieder weiter in die Ferne zu rücken scheint.

 

The Flag from Heba Amin on Vimeo.

Foto oben: Flickr | martin_vmorris | CC 2.0