Das Elend und seine Bilder

Flüchtlinge reißen einen Grenzzaun nieder. Auch mit Blendgranaten und Schlagstockeinsatz gelingt es der Polizei nicht, die Menschen zurückzuhalten. Diese martialischen Bilder von der mazedonischen Grenze gingen Ende der vergangenen Woche um die Welt. Nun äußerte der serbische Fotograf Marko Risovic  den Verdacht, die Situation sei „teilweise inszeniert” gewesen.

(Erstveröffentlicht am 29. August 2015)

Risovic, der selbst vor Ort war, behauptet in einem Interview mit dem Magazin Ostpol, die mazedonischen Behörden hätten ihre eigene Überforderung bewusst in Szene gesetzt. Es habe bereits zuvor dramatische Entwicklungen am Zaun gegeben, aber zu den spektakulären Bildmotiven sei es erst gekommen, nachdem Polizisten teilweise abgezogen und Journalisten näher herangelassen wurden.

In ihrer Essaysammlung „Das Leiden anderer betrachten“ [1] geht Susan Sontag der Frage nach, warum Bildern aus Kriegs- und Konfliktregionen oftmals mehr Bedeutung und Authentizität zugesprochen wird als dem geschriebenen Wort. Foto und Film scheinen einen direkten, emotionalen Zugang zu einem weit entfernten Geschehen zu eröffnen. Doch erst die Interpretation gibt ihnen eine Aussage.


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Die Bilder von EU-Außengrenze kann man vereinfachend als Ausdruck einer humanitären Katastrophe sehen, die dem Einzelnen nur seine Ohnmacht vorführt. Man kann in ihnen auch einen Beweis für sinnlose Polizeibrutalität erkennen, wenn man diesen Verdacht bereits hatte. Oder man sieht nur die kaum menschliche ‚Flüchtlingslawine‘ in Aktion, vor der man sich ohnehin fürchtet.

Risovic zufolge verbreitete eine mazedonische Zeitung gleichzeitig Bilder von Polizisten, die Kindern über die Grenze helfen. Der Leser kann also glauben, die internationale Presse wolle sein Land und dessen Behörden bewusst in ein schlechtes Licht stellen. Diese sehr unterschiedlichen Ansichten haben wenig gemeinsam, außer der Tatsache, dass eine Menschengruppe eine Grenze überquert hat.

Dasselbe Bild kann vollkommen unterschiedliche, sogar widersprüchliche Grundannahmen scheinbar bestätigen, ohne dabei den geringsten Mehrwert an Information zu bringen.

Es ist bemerkenswert, dass gerade heute, in einer Zeit, in der den Medien besonders viel Misstrauen entgegen gebracht wird, der Glaube an die Authentizität von Fotos und Videoclips besonders hoch zu sein scheint. Doch die Sehnsucht nach dem echten, wahren Bild ist trügerisch. Denn ein Bild steht nie allein für sich und es gibt nie einfach nur die Wirklichkeit wieder.

Anmerkung

[1] Sonntag, Susan: Das Leiden anderer betrachten. 4. Auflage. Frankfurt am Main 2013.

Bild oben: Flickr | liebeslakritze | CC 2.0