“Ich glaube, diese verdammte Unsicherheit macht mich aggressiv.”

Eine blutig-schräge Hommage an Frankfurt am Main, die Liebe und den Exzess im Allgemeinen, das war „Film Riss“, der Erstlingsroman  des ehemaligen Unternehmensberaters und Datingcoachs Kolja Alexander Bonke von 2011. Anfang diesen Jahres erschienen die Fortsetzung „Film Riss 2: Buenos Aires“, aus der der folgende Auszug stammt.

Natürlich erzähle ich ihr nicht, was gerade auf der Toilette passiert ist. Ich will sie nicht unnötig beunruhigen. Frühestens auf argentinischem Boden werde ich ihr davon berichten. Wenn wir alles hinter uns gelassen haben und nichts mehr von Bedeutung ist.

Dann wird es Zeit zu gehen. Die entscheidenden Momente stehen uns kurz bevor. Unser gemeinsames Glück wird in wenigen Minuten von einem schlecht gelaunten Check-In-Mitarbeiter des Flughafens abhängen, der skeptisch meinen gefälschten Pass und meine bis zur Unkenntlichkeit zertretene Birne beäugen wird. Ich kann es wirklich kaum erwarten.

Wenig hasse ich mehr, als von anderen abhängig zu sein. Freiheit und größtmögliche Autarkie sind die wohl höchsten Güter für mich. Ich bin nun mal ein Einzelkind und war stets glücklich damit. Geschwister habe ich nie vermisst.
Als ich einmal nicht daheim war, spielte ein fremdes kleineres Kind mit meinen perfekt erhaltenen Playmobil-Sachen — auf meinen Kram konnte ich schon immer gut aufpassen. Als ich nach Hause kam, war eine Schwingtür meines Saloons abgerissen. Meine komplette Westernlandschaft war durch diesen fehlenden Flügel nun ruiniert, ein traumatisches Erlebnis für mich. Danach habe ich immer alles dafür getan, um die Wiederholung eines solchen Desasters zu verhindern. Keiner durfte mehr an meinem Krempel rumfummeln. Und von Playmobil verabschiedete ich mich sicherheitshalber auch gleich.
Noch heute habe ich Angst vor solchen Aktionen, davor, dass mir jemand ins Handwerk pfuscht. Ich schätze, Vertrauen auf andere ist nicht gerade meine größte Stärke.

Werbung

Während ich vor Sina auf cool mache und mir möglichst wenig anmerken lasse, muss ich mich mit dem Begaffen anderer Wartender ablenken, um mir nicht vor Angst in die Hosen zu machen. Dabei fällt mir Paul Breitner ein:
„Da kam dann das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief’s ganz flüssig.“
Ich hoffe, dass es bei mir auch gleich ganz flüssig läuft.

Hinter uns steht ein Poserpunk im Tote-Hosen-Shirt. Ein Tote-Hosen-Shirt! Und nicht mal eins von früher. Dem sollte man die Ohren langziehen, bis ihm der Bürzel qualmt. Mein Gott, wie ich die Hosen schon immer gehasst habe! Allen voran diesen Düsseldorfer Möchtegernengländer Andreas Frege, der sich Campino nennt. Besserwisserische Punker, die aus stinkreichen Familien kommen, waren mir von jeher die liebsten. Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte. Den Gipfel der Widerlichkeit erreicht der Kerl aber nicht durch seine Herkunft, sondern indem er sich mit hanebüchenen Pseudo-Wohltätigkeitsprojekten als Retter der Menschheit aufspielt. Ich liebe Multimillionäre, die für einen vermeintlich guten Zweck um unsere Kohle betteln. Hoffentlich tritt Campino demnächst ab!

Ich glaube, diese verdammte Unsicherheit macht mich aggressiv. Ein Phänomen, das ich nicht zum ersten Mal an mir beobachte.

Sina und ich sind mittlerweile von einem lärmenden Haufen dickbusiger Italiener umzingelt. Das Winkfleisch unter ihren Armen schlackert hin und her, als sie sich lautstark von ihren kaum weniger korpulenten Frauen verabschieden. Die stehen hinter einer Absperrung und schwenken weiße Taschentücher. Wie aus der Pasta-Werbung sehen die Typen aus, mit Tomatensoßenflecken auf den üppigen Brüsten. Sofort sehe ich Knorr-Werbespots vor meinem geistigen Auge.
„Wir rühren, wir riechen, wir verfeinern …“
Was zur Hölle wollen die in Südamerika?


Like das Leverage Magazine auf Faceboook, um nichts zu verpassen! (Text geht unten weiter.)

Ganz vorne ist nun Goldkettchen an der Reihe, meine einzige harmlose Bekanntschaft aus den sanitären Einrichtungen dieses Flughafens. Was für ein Zufall, man sieht sich wohl wirklich immer zweimal im Leben. Man kann allerdings nur hoffen, dass das nicht für jeden gilt …

Direkt vor uns in der Schlange am Check-In-Schalter steht ein gestrenger älterer Herr mit schwarzer Sonnenbrille, die er Heino geklaut haben könnte. Dazu trägt er einen bräunlichen Anzug aus den Fünfziger Jahren. Er ist beinahe alt genug, um ein Klischee-Nazi auf Klischee-Flucht nach Argentinien zu sein — die Rattenlinie lässt grüßen. Dazu geht er optisch locker als Seniorenversion von Mengele meets Goebbels ohne Klumpfuß durch. Ich muss an Slayer und ihren Klassiker „Angel of Death“ denken, der auf lustig-unbekümmerte Art vom berüchtigten KZ-Arzt erzählt.

Während ich in kruden NS-Fantasiegeschichten von Blutgruppentätowierungen und Kameradenwerken mit dem Opa als Hauptdarsteller versinke, wird ein Großteil der wohlgenährten Spaghettis abgefertigt. Übergepäck haben die alle, das hat aber nicht unbedingt was mit ihren Koffern zu tun. Wenigstens geht es endlich voran.

Opa steht nun am Schalter und ich schwitze bereits Blut und Wasser. Gleich sind wir an der Reihe und dann entscheidet sich alles.
Mein Gott, wie ich es hasse, wenn Fremde mein Schicksal in der Hand haben! Apropos Hände. Opas Greifwerkzeuge zittern wie meine Knie, als er seine Papiere herausholt …

Werbung

Die Angelegenheit vor uns gestaltet sich dann allerdings doch langwieriger als gedacht. Mit dem bräunlichen Senior scheint es größere Probleme zu geben. Der Check-In-Mitarbeiter hat mit einem Mal hektische rote Flecken im Gesicht, er telefoniert und gestikuliert dabei wild. Ein zweiter Flughafenmitarbeiter stößt dazu, augenscheinlich nicht minder nervös. Es wird intensiv diskutiert. Opa fängt unverständlich an zu zetern. Obwohl wir in der Nähe stehen, verstehen wir den Grund der Aufregung nicht. Dann kommen drei eigenartige Jungs mit ernsten Mienen in zivil vorbei, die ihm einen Ausweis unter die Nase halten. BND? CIA oder FBI? Mossad oder gar eine Spezialabteilung des Simon-Wiesenthal-Centers?

So sehr ich meine Augen auch zusammenkneife, ich kann leider kein Logo erkennen. Weder einen Adler noch eine Menora, verdammt. Kurz danach kann ich meinen Sehorganen allerdings sowieso kaum mehr trauen — die Schlapphüte schmücken den armen Opa nämlich tatsächlich mit Handschellen und führen ihn ab. Durch einige hastige Bewegungen geht seine schwarze Heinobrille zu Bruch, kruppstahlblaue Augen funkeln hinter den zersplitterten Gläsern. Um uns herum wird es unruhig, eine Eskalation scheint kurzzeitig möglich, wenn nicht sogar unausweichlich …

Doch das Gegenteil ist der Fall. Plötzlich wird der alte Mann ganz still und der erwartete Riesenaufruhr bleibt aus. Statt dem ganzen glotzt nun nur der halbe Flughafen zu uns. Trotzdem jede Menge Aufmerksamkeit, die ich jetzt nicht unbedingt gebraucht hätte. Sina und ich werfen uns verunsicherte Blicke zu. Wir fühlen uns ein bisschen wie sich Zootiere zur Hauptbesucherzeit vorkommen müssen.

Spätestens wenn das eigene Schicksal überhaupt nicht mehr in den eigenen Händen liegt, beten selbst Hardcore-Ungläubige zu Gott. Manchmal erwische auch ich mich in diesen Momenten, wie mein Blick für Sekunden Richtung Himmel geht und ich dort nach einer höheren Macht suche. Gefunden habe ich sie nie.
Brad Pitt hat auf die Frage nach seiner religiösen Orientierung mal geantwortet, dass er „zwanzig Prozent Atheist und achtzig Prozent Agnostiker“ sei. Auch wenn bei mir das Verhältnis vielleicht eher umgekehrt ist, schwanke ich ebenfalls zwischen Atheist und Agnostiker.
Während der Atheist der Wortherkunft nach „ohne Gott“ ist, hat der Agnostiker „keine Erkenntnis“ vorzuweisen. Der Unterschied liegt also darin, dass der Agnostiker sich nicht ganz sicher ist, während der Atheist an seinen Nichtglauben glaubt. Letzterem fühle ich mich deutlich mehr zugehörig: Ich glaube an den Nichtglauben. Auch in dieser Situation, in der sich nun alles entscheiden wird.

Und dann ist es ganz plötzlich soweit: Wir sind dran. Oft wartet man Stunden auf irgendetwas und verzweifelt fast daran. Wenn das ersehnte Ereignis dann aber endlich eintritt, fühlt man sich trotzdem irgendwie überrumpelt. Vor allem, wenn der Vorgang — wie in diesem Fall — so furchteinflößend ist.

Der Check-In-Mitarbeiter steht mittlerweile wieder allein hinter seinem Schalter herum und wischt sich eimerweise Schweiß von der Stirn. Er scheint sich eine kleine Auszeit zu gönnen und kurze Erholung nötig zu haben. Dann spricht er doch mit uns.
Hallo erst mal.
Nein, ich habe wirklich keinen Koffer, nur Handgepäck.
Ja, ich werde mich dort drüben auf der Florida-Straße neu einkleiden, haha.
Ja, sie hat einen Koffer.
Dankeschön, bitteschön.
Als der Mann meinen Pass begutachtet, fällt ein Schweißtropfen von seinem Kinn auf das Passbild und ich fange innerlich an zu beten, dass sich das original-gefälschte Dokument nicht sofort auflösen möge. Während meines Gebets hoffe ich, dass sich meine Lippen dabei nicht unwillkürlich bewegen — bloß nicht wie bei Musti vorher. Ich will jetzt wirklich keinen komischeren Eindruck machen als unbedingt nötig …

Mein Foto und mein Gesicht werden ausgiebig verglichen. Sekunden fühlen sich an wie Stunden. Ich grinse schief und versuche den Gesichtsausdruck des Typen auf dem Bild zu imitieren. Mir wird schummrig. Der Flughafenfuzzi vergleicht. Und vergleicht noch einmal. Tippt etwas in seinen Computer. Dann bewegen sich seine Lippen. Könnte „gute Reise“ bedeuten, aber auch irgendetwas anderes. Meine Ohren versagen den Dienst. Ich blicke fragend zu Sina, sie nickt mir aufmunternd zu. Und der Kerl lächelt. Scheiß die Wand an, der lächelt!

(Bild oben: Flickr | Roger Schultz | CC 2.0)

Kolja Bonke

ist Autor von beliebten Ratgeberbüchern und umstrittenen Romanen.

Facebook