Bitte setzen Sie das Experiment fort! Kinofilm über Stanley Milgram

Das Filmfestival „Unknown Pleasures“ wurde am Freitag mit einem außergewöhnlichen Biopic über den Sozialforscher Stanley Milgram eröffnet. Dessen Experimente haben unsere Sicht auf den Menschen und die Gesellschaft entscheidend geprägt.

Der Regisseur Michael Almereyda erzählt die Geschichte Milgrams (Peter Sarsgaard) in seinem collageartigen, mitunter surrealen Film Experimenter. Parallel zu dessen berühmtem Experiment wird die erste Begegnung mit Milgrams späterer Ehefrau Sasha (Winona Ryder) gezeigt. Distanziert und sachlich bittet er sie um ihre Telefonnummer, unmittelbar nachdem sich die beiden kennengelernt haben. Irrelevanten Smalltalk könne man sich sparen, glaubt der etwas kauzige Sozialpsychologe offenbar.

Der Film basiere hauptsächlich auf den Erinnerungen von Sasha Milgram, sagt Almereyda im Q&A nach der Vorführung, die zugleich die Deutschland-Premiere war. In einigen Szenen des Films hat er mit rear-projection gearbeitet, das Geschehen erscheint dann seltsam theatralisch. Andere zitieren authentische Dokus, die Milgram selbst gedreht hat. Darin spricht er selbstbewusst in die Kamera, wie der Protagonist von „The Experimenter“, der sein Dasein mit hintergründigem Humor erläutert.

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Autorität und Entscheidung

Das Milgram-Experiment gehört zu den einflussreichsten und bekanntesten sozialpsychologischen Experimenten, sein Ergebnis wird aber auch häufig missverstanden. Die Forscher forderten die Versuchspersonen auf, einem „Schüler“ Elektroschocks zu verabreichen, um sein Lernverhalten zu motivieren. Allerdings war den Probanden nicht bekannt, dass es Milgram tatsächlich darum ging, ihre Bereitschaft zu grausamen Handeln innerhalb einer Autoritätssituation zu testen.

Eigentlich wollte Milgram 1961 die seinerzeit verbreitete „Germans are different“-These überprüfen, die davon ausging, dass die die Deutschen aufgrund ihrer Prägung durch autoritäre Gesellschaftsstrukturen zu den Verbrechen von Krieg und Holocaust bereit gewesen waren. Das Verhalten der US-amerikanischen Probanden sollte mit Ergebnissen weiterer Studien in Deutschland verglichen werden. Doch dazu kam es gar nicht mehr, die Resultate waren unerwartet eindeutig.

Ein „Schüler“ sollte im Nebenraum Fragen beantworten, ein „Lehrer“ falsche Antworten mit Stromstößen bestrafen. Die Voltzahl musste schrittweise erhöht werden bis zu einem potenziell tödlichen Wert. Wenn der „Lehrer“ sich beschwerte oder den Sinn des Ganzen infrage stellte, forderte ihn ein im Raum anwesender Wissenschaftler im Kittel freundlich auf, weiterzumachen. Die Probanden zeigten Anzeichen von Unbehagen, aber nur wenige brachen das Experiment ab. In den meisten Fällen war der „Schüler“ am Ende tot.


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In Wirklichkeit handelte es sich bei dem „Schüler“ um einen Schauspieler. Später versuchten die Forscher andere Konstellationen und kamen zu differenzierteren Ergebnissen. Musste der „Lehrer“ beispielsweise selbst Hand anlegen und dem vermeintlichen Opfer, das vor Schmerzen schrie, körperlich nahekommen, brachen fast alle ab. Fand das Experiment nicht in der ehrwürdigen Yale-Universität sondern im Hafenviertel statt, hinterfragten die Probanden deutlich häufiger dessen Legitimität.

Das Experiment stieß auch auf Kritik, vor allem wegen des Umgangs mit den Teilnehmern. Heute werden die Ergebnisse mitunter anders bewertet. 2014, fünfzig Jahre nach Milgrams Versuchen, veröffentlichte eine Forschergruppe um Alexander Haslam eine Studie, die auf Auswertungen von Fragebögen basiert und behauptet, die Teilnehmer hätten vor allem aus Überzeugung gehandelt. Im Glauben, an einem bedeutsamen Experiment teilzunehmen, hätten sie ihr Handeln für richtig gehalten.

Milgram hat nicht gezeigt, dass Menschen in Wirklichkeit grausame Roboter sind, sondern dass unsere Entscheidung für oder gegen Grausamkeit von wesentlich mehr Faktoren abhängt als nur der moralischen Grundeinstellung. Die ist wesentlich instabiler als die meisten Menschen glauben. Die Situation, in der wir uns befinden, bestimmt maßgeblich die Bewertung unserer eigenen Rolle. Was in einem Rahmen verwerflich erscheint, kann im anderen schlicht wie ein notwendiges Übel wirken.

Fragen statt Antworten

Michael Almereydas Vision zeigt Milgram als einen Fragesteller, den weniger die Autorität fasziniert als die Fähigkeit des Menschen zur freien Entscheidung. Seine Experimente waren umstritten, weil er die Probanden gezielt täuschte. Für den Regisseur ist er deshalb auch ein Illusionist und ein Performance-Künstler, der die Aufmerksamkeit auf Aspekte der menschlichen Existenz lenkt, die bisher nicht beachtet wurden – den unbewusst permanent anwesenden elephant in the room.

So werden in „The Experimenter“ auch andere Erkenntnisse des bedeutenden Sozialforschers thematisiert, etwa das Familiar-Stranger-Phänomen: Ein Mensch in der Großstadt trifft regelmäßig auf dieselben Personen, etwa in der Bahn oder im Arbeitsumfeld, über die er mitunter nachdenkt und fantasiert. Aber die vertrauten Bekannten sprechen nie miteinander. Es bedürfte eines Unfalls oder einer anderen Unterbrechung der Routine, um einen direkten Kontakt herzustellen. Warum eigentlich?

Das Filmfest „Unknown Pleasures“ zeigt noch bis zum 18. Juni unabhängige US-amerikanische Produktionen im Berliner Kino Arsenal.
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Alle Fotos: © Magnolia Pictures