Pestizid im Bier entdeckt: ist es krebserregend? Und was hat Monsanto damit zu tun?

Glyphosat im Bier, trotz Reinheitsgebot! Umweltschützer haben Rückstände des umstrittenen Düngemittels in den beliebtesten deutschen Biermarken nachgewiesen. Glyphosat gilt als möglicherweise krebserregend. Darf man jetzt etwa kein Bier mehr trinken?

Eine von bayerischen Umweltschützern in Auftrag gegebene Studie will in insgesamt 14 Biersorten das Pestizid Glyphosat nachgewiesen haben – in allen getesteten. Die Aktivisten weisen darauf hin, dass die Messwerte die gesetzlichen Grenzwerte für Trinkwasser übersteigen. Für Bier gibt es allerdings keine Grenzwerte, und das Reinheitsgebot hat zu Rückständen nichts zu sagen. Der Bund deutscher Brauer weist die Vorwürfe mangelnder Kontrollen zurück. Dem ungetrübten Biergenuss scheint die Sorge der Studie auch nicht vorrangig zu gelten. Wer hat sie veröffentlicht?

Das Umweltinstitut München ist ein eingetragener Verein, der sich schwerpunktmäßig mit Belastungen durch Radioaktivität, elektromagnetische Strahlung („Elektrosmog“) und gentechnisch veränderte Lebensmittel beschäftigt. Das Institut war einer der Organisatoren der Demo „Wir haben es satt!“ im Januar diesen Jahres in Berlin. Gemeinsam mit anderen Umweltschutzvereinen sowie Lobbyverbänden von Bio-Bauern, Imkern und Einzelhändlern demonstrierte es dort gegen die Agrarindustrie – und nicht zuletzt ausdrücklich auch gegen den Branchenriesen Monsanto. Glyphosat wird unter dem Markennamen „Roundup“ von Monsanto vertrieben. Der Konzern bietet ebenfalls Samen genmanipulierter Nutzpflanzen an, die gegen das Pestizid resistent sein sollen.

Die auf eine Monopolstellung zielende Geschäftspraxis des Unternehmens ist, gelinde gesagt, umstritten.

Kritiker werfen Monsanto immer wieder vor, aus Profitgier die Gesundheit von Menschen in Gefahr zu bringen. Im Internet kursieren die verrücktesten Gerüchte, die den Konzern mit praktisch jedem Übel der Welt in Verbindung bringen, etwa dem Zika-Virus. Abseits dieser Absurditäten gibt es aber auch ernstzunehmende Kontroversen. So veröffentlichte die International Agency for Research on Cancer (IARC) im März 2015 eine Studie, aus der hervorgeht, Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserrend“. Die EU-Behörde Efsa jedoch widersprach dieser Einschätzung im November explizit: Es sei „unwahrscheinlich, dass dieser Stoff krebserregend ist“.


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Den Umweltingenieur Christopher Portier von der Universität Maastricht überzeugte das nicht. Gegenüber dem Bundestagsausschuss „Ernährung und Landwirtschaft“ stützte Portier als geladener Sachverständiger das IARC-Gutachten. Kurz darauf initiierte er einen offenen Brief, der die Efsa-Studie in Zweifel zog, und von 96 internationalen Forschern unterschrieben wurde. Doch während die akademische Welt noch streitet, muss die Politik Entscheidungen treffen. Deutschland kommt eine Schlüsselrolle zu, denn es fungiert in der EU als Berichterstatter für die Glyphosat-Prüfung.

Dass ausgerechnet jetzt eine spektakuläre Warnung vor Bier veröffentlicht wird – dem Getränk, von dem die Deutschen im letzten Jahr fast 80 Mio. Hektoliter getrunken haben – dürfte wohl kaum ein Zufall sein. Am gestrigen Donnerstag ist die Grünen-Fraktion im Bundestag mit einem Antrag gescheitert, der die Bundesregierung aufforderte, auf EU-Ebene gegen die Wiederzulassung von Glyphosat als Pestizid zu stimmen. Die Mehrheit der Abgeordneten hielt sich an die Empfehlung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BFR), das das Mittel für unbedenklich hält.

Anfang März wird in Brüssel über die Neuzulassung für fünfzehn Jahre entschieden. Die Umweltschützer wollen daher öffentlichen Druck erzeugen. (Bier bleibt aber in jedem Fall erlaubt.)

Foto oben: Flickr | LenDog64 | CC 2.0

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