Wie gewinnt man einen Atomkrieg? Die Bombe und die RAND Corporation

In den 1950er und 60er Jahren entwickelten Wissenschaftler der kalifornischen RAND Corporation Strategien, mit denen sie glaubten, einen kontrollierten Atomkrieg führen zu können. Ihre teilweise bizarren Ideen prägten die Weltpolitik nachhaltig.

Nur selten genügt ein Geräusch, um eine Weltmacht zu verunsichern. Im Oktober 1957 erschütterte ein helles, rhythmisches Piepen die Selbstgewissheit der USA. Es kam vom sowjetischen Erdsatelliten Sputnik und konnte rund um die Welt mit jedem Kurzwellenradio empfangen werden. Schlimmer noch, mit etwas Glück war der Sputnik sogar mit bloßem Auge am Himmel zu sehen. Vollkommen unerwartet hatte die UdSSR die Leistungsfähigkeit der Langstreckenrakete R-7 unter Beweis gestellt, nur zwei Jahre nach ihrem erfolgreichen Test einer Wasserstoffbombe.

Die Wissenschaftler eines Think Tanks, der der Air Force nahestand, warnten bereits seit Jahren, die Sowjets könnten ihre Fähigkeit zu einem Überraschungsangriff ausbauen, nun sahen sie sich bestätigt. Die RAND Corporation hatte schon in einem Paper von 1947 die Möglichkeit eines sowjetischen Satelliten in Betracht gezogen. Die Idee, damals weder von Militärs noch Politikern beachtet, erschien im Nachhinein als geradezu prophetisch.

Präsident Eisenhower hatte solche Rufe nicht nur ignoriert, sondern auch den Verteidigungshaushalt gekürzt und dabei vor allem bei der Air Force Einsparungen vorgenommen. Aus seiner persönlichen Erfahrung als Weltkriegsveteran glaubte der Commander in Chief zu wissen, dass sich Bedrohungslagen nicht über Nacht ergeben, sondern schrittweise aufschaukeln. Das Piepen im Radio ließ diese Sichtweise nun gefährlich naiv erscheinen.

 

Die Bombe denken: die RAND Corporation

Im Zweiten Weltkrieg hatte die wissenschaftliche Forschung nicht nur Lösungen für konkrete technische Probleme gesucht, sondern war erstmals direkt in Fragen der Kriegsführung eingebunden gewesen. Das Manhattan-Projekt unter der Leitung von Robert Oppenheimer hatte die ersten Atombomben entwickelt, die 1945 auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden.

Das Ergebnis beeindruckte den Air-Force-General Henry ‚Hap‘ Arnold so sehr, dass er eine Gruppe von Forschern zusammenbringen wollte, um weitere Waffen und Strategien für die Kriege der Zukunft zu entwickeln. Gemeinsam mit Franklin R. Collbohm (vom Flugzeughersteller Douglas Aircraft) und anderen legte Arnold den Grundstein für die RAND Corporation und schuf gewissermaßen den Prototypen aller heutigen Think Tanks.

Werbung

RAND versammelte namhafte Physiker, Mathematiker, Ökonomen sowie einige Gesellschaftswissenschaftler im kalifornischen Santa Monica und wurde bald zum führenden Zentrum für strategisches Denken im Kalten Krieg. Die Forscher des Institutes – bis in die 1960er Jahre fast ausschließlich Männer – entwickelten einen Korpsgeist , der elitäres Selbstverständnis mit der Idee vom Kampf für die Free World verband – und teilweise einem gewissen Hang zum Exzentrischen.

Die Kollegen trafen auch in der Freizeit regelmäßig zu Feiern und Empfängen zusammen. Luxus, schnelle Autos, Zigarren und eine zur Schau gestellte Kennerschaft etwa im Bereich der Kunst gehörte zu diesem Lebensstil, den der Journalist Alex Abella in seinem Buch Soldiers of Reason als „a boy’s conception of what a man’s life should be“ beschreibt.

 

Überraschung und Verwundbarkeit: Die Wohlstetters

Eine der wenigen RAND-Frauen, die Analystin Roberta Wohlstetter, untersuchte in ihrer Studie Pearl Harbor: Warning and Decision die Frage, warum es der US-amerikanischen Abwehr nicht gelungen war, den Angriff auf Pearl Harbor vorherzusagen. Die Analytikerin vertrat sie die Ansicht, dass die zuständigen Sicherheitsdienste eingehende Informationen falsch interpretiert hatten, weil sie sich einen Überraschungsangriff nicht vorstellen konnten. Aufgrund falscher Grundannahmen sei es ihnen unmöglich gewesen, Fakten von gezielter Desinformation und schlichtem ‚noise‘, also unwichtigem Rauschen, zu unterscheiden.

Die Eheleute Roberta und Albert Wohlstetter hatten sich als Studenten kennengelernt, als Mitglieder einer trotzkistischen Sektierergruppe. Vor allem der junge Albert interessierte sich ansonsten kaum für Politik. Doch diese Gruppe, in der voller Eifer von ‚permanenter Revolution‘ gesprochen wurde und die Bereitschaft bestand – zumindest in der Fantasie – den Kommunismus notfalls auch mit Gewalt zu verbreiten, könnte sein Bild der Sowjetunion beeinflusst haben, auch lange nachdem er sich von dieser Ideologie abgewandt hatte. Die UdSSR konnte er sich jedenfalls zeitlebens nur als äußerst aggressiv und auf Expansion ausgerichtet vorstellen.

Unter dem Eindruck der Arbeit seiner Frau setzte sich Albert Wohlstetter intensiv mit der Möglichkeit eines sowjetischen Überraschungsangriffs auseinander. Im Gegensatz zu vielen hochrangigen Militärs ging er nicht davon aus, dass ein feindlicher Schlag den bevölkerungsreichen Städten gelten würde. Wohlstetter wies auf die Verwundbarkeit des Strategic Air Command selbst hin und errechnete, dass es den Sowjets mit nur 120 taktischen Bombern möglich sein könnte, alle in Europa stationierten US-Bomber gleichzeitig auszuschalten. Besonders gefährdet seien jene Basen, die sich in der Nähe der UdSSR befänden.


Vorbereitet auf den Ernstfall – mit Leverage Magazine auf Facebook (Artikel geht unten weiter.)


 

Massive Vergeltung: LeMay und Dulles

Die Führung der Air Force lehnte diese Theorien ab. Im September 1952 jedoch wurde die Carswell Air Force Base in Texas überraschend von einem Tornado getroffen. Der Sturm zerstörte Bomber, die im Freien standen und diverse Anlagen. Wohlstetter sah sich dadurch in seiner Sorge bestätigt und empfahl die Errichtung von Bunkeranlagen für die Flugzeuge. General Curtis LeMay jedoch, der Chef des SAC, wollte seine Bomber nicht in Bunkern verstecken, sondern möglichst häufig in der Luft sehen.

Höhere Abnutzung der Maschinen garantierte in LeMays Augen neue Investitionen des Verteidigungsministeriums und damit auch regelmäßigen Ersatz durch neue Technologie. Außerdem wusste der General, dass der sowjetische Luftraum systematisch mit U-2 Aufklärern überwacht wurde und ging – vermutlich zurecht – davon aus, von einem Überraschungsangriff viel früher zu erfahren, als der Zivilist Wohlstetter es sich überhaupt vorstellen konnte.

Die Lösung des Generals wäre ein massiver Schlag gegen die UdSSR gewesen, eine sogenannte ‚Sunday punch‘-Strategie. (Dieser Begriff aus dem Boxen bezeichnet einen vernichtenden Schlag, der einen Knockout erzwingen soll.) Auf diesem bestechend simplen Ansatz basierte auch die berüchtigte Strategie einer ‚massiven Vergeltung‘, der Massive Retaliation, die Außenminister John Foster Dulles in seiner Rede 1954 bekannt machte.

 

Der Zweitschlag

Unter den RAND-Strategen hingegen setzte sich bald die Vorstellung durch, dass es keineswegs sinnvoll sei, die gesamte Atomstreitmacht für einen einzigen Schlag zu verwenden. Schließlich konnte man nicht sicher sein, dass ein ‚Sunday punch‘ den Gegner tatsächlich vollständig vernichten würde. Sollte der noch über einzelne Bomber oder Raketen verfügen, könnte er wiederum zum Gegenschlag ausholen. Außerdem bot Massive Retaliation keine Möglichkeiten, auf eine begrenzte Provokation mit konventionellen Waffen angemessen zu reagieren.

Der Nuklearstratege William Kaufmann bezeichnete die offizielle Doktrin als selbstmörderisch. Stattdessen plädierte er für den Ausbau der konventionellen Streitkräfte, um die Armeen der UdSSR und ihrer Satellitenstaaten am Boden in Schach halten zu können. Die Führung der nicht mit Atomwaffen ausgestatteten Army begrüßte diese Strategie, von der sie sich einen größeren Anteil am Verteidigungshaushalt und Bedeutungsgewinn versprach, während Air Force und Navy an der ‚massiven Vergeltung‘ festhielten.

Die RAND-Strategen bauten Kaufmanns Ansatz zur Counterforce-Strategie aus. Albert Wohlstetter trug eine Vielzahl von Ideen zur Abschreckung bei. Ein erheblicher Teil der Atom-Streitmacht sollte seiner Ansicht nach den Angriff in unterirdischen Bunkern überstehen. Allein die Androhung eines Zweitschlages sollte den Gegner zur Räson bringen. Bei RAND stellte man sich vor, auch nach Ausbruch des Atomkrieges noch verhandeln zu können. Gelänge es, den Schaden zu begrenzen, etwa durch Bunker und Zivilverteidigung, sei er durchaus zu stoppen und sogar zu gewinnen.

(Weiter geht’s unter dem Video.)

 

Der echte Dr. Seltsam: Herman Kahn

Stanley Kubricks Film Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb von 1964 basiert zum großen Teil auf Arbeiten der RAND Foundation. Die schwarze Komödie zeigt Politiker und Militärs beim vergeblichen Versuch, einen versehentlich ausgelösten thermonuklearen Krieg zu stoppen. Trotz zahlreicher Widrigkeiten gelingt es sogar beinahe – aber ein einzelner Bomberkapitän verhält sich anders als erwartet und löst doch noch die Katastrophe aus.

Der Futurologe Herman Kahn gilt als wichtigste Inspiration für Kubricks titelgebende Figur, den wahnsinnigen Wissenschaftler Dr. Seltsam (im Original: Dr. Strangelove). Das Drehbuch des Films war gespickt mit wörtlichen Zitaten aus Kahns berühmt-berüchtigtem Buch On Thermonuclear War, das 1960 erschienen war. Bereits der Buchtitel deutet an, dass der Autor glaubte, ein Standardwerk geschaffen zu haben, dessen Bedeutung sich an der von Carl von Clausewitz‘ Vom Kriege messen ließe.

Werbung

Es war Kahns feste Überzeugung, dass die Wissenschaft alle wirklich notwendigen Fragen stellen müsse, ohne sich von Emotionen oder Moral abhalten zu lassen. Bis ins Detail malte er eine Welt nach der themonuklearen Katastrophe aus. Lebensmittel beispielsweise müssten nach Verstrahlung in fünf Gruppen eingeteilt werden, wobei die geringbelasteten schwangeren Frauen und Kindern vorbehalten werden sollten. Für Speisen mit mittlerem Strontium-Gehalt werde es einen freien Markt geben, der die Preise regulieren könne, glaubte Kahn.

Seine berüchtigste Idee jedoch war die Doomsday Machine, die auch in Kubricks Film eine prominente Rolle spielt (wenngleich nicht ganz im Sinne des Erfinders). Im Falle einer Krise sollte ein gigantischer Computer die Kontrolle über das Atomwaffenarsenal erhalten und auf jede gegnerische Aktion mit einem Gegenschlag reagieren, forderte Kahn. Die Maschine sollte durch den Menschen nicht zu stoppen sein, es wäre daher nicht möglich, den Verteidigungswillen der Regierung mit Gewalt zu brechen.

In diesem Konzept einer ultimativen Abschreckungsmaschine meinten Kahns Kritiker seinen offenkundigen Wahnsinn zu erkennen. Entstanden war es jedoch aus einem Streit mit hohen Offizieren der Air Force, schreibt Richard Kaplan in seinem Buch The Wizards of Armageddon. Kaplan geht davon aus, dass Kahn die bestehende, lineare NATO-Doktrin von Schlag und größerem Gegenschlag kritisieren wollte, indem er sie bis in die Absurdität weiterdachte. Die Militärs lehnten die Schreckensmaschine ab, die im Grunde ein Spiegelbild ihrer eigenen sturen Denkweise war.

Kahn behauptete, den Atomkrieg durch eine subtile Abstufung von Abschreckungsmaßnahmen unter Kontrolle bekommen zu können.

 

Nach dem Untergang ist vor dem Aufbau

Egal, wer den thermonuklearen Krieg begonnen und wer ihn gewonnen hätte, nach etwa 100 Jahren des Wiederaufbaus könnten die USA den Zivilisationsstand der Vorkriegszeit wieder erreicht haben, orakelte Kahn. Die Überlebenden würden die Toten nicht beneiden. Weil er derartige Ideen auch öffentlich vertrat, wurde er schnell zum bevorzugten Hassobjekt der Kriegs- und Militärgegner, was ihn allerdings nur wenig störte.

Dabei beruhten Kahns Prognosen offensichtlich auf einer Weltanschauung, die das Ergebnis entscheidend beeinflusste. Roberta Wohlstetter hatte in ihrer Pearl-Harbor-Studie darauf hingewiesen, wie fatal es sich auswirken kann, wenn falsche Grundannahmen zu verzerrten Interpretationen von Fakten führen. Doch die RAND-Forscher erkannten nicht, dass sie diesen Fehler selbst begingen.

Die unbewiesene Annahme, dass die Sowjetunion entgegen der offiziellen Politik der ‚friedlichen Koexistenz‘ im Geheimen einen nuklearen Angriffskrieg plante, der mehrere Millionen ihrer Bürger das Leben kosten würde, war schlicht Konsens und wurde nicht hinterfragt. Allerdings waren die Nuklearstrategen konsequent davon überzeugt, dass man generell nur alle Variablen beachten und jedes Szenario kaltblütig zu Ende denken müsse, deshalb hielten sie auch angesichts einer menschengemachten Apokalypse den letztendlichen Triumph des westlichen Systems für denk- und damit machbar.

Mit dem Einzug John F. Kennedys in das Weiße Haus wuchs der Einfluss der RAND-Hardliner auf das Pentagon. Die nun implementiere Abschreckungsstrategie der Flexible Response ging auf die Kritik an der vergleichsweise primitiven Strategie der ‚massiven Vergeltung‘ zurück. Herman Kahn verließ die Denkfabrik 1961 und gründete das konkurrierende Hudson Institute. Albert Wohlstetter wechselte 1963 an die Universität von Chicago und wurde zum Mentor von Intellektuellen wie Richard Perle oder Paul Wolfowitz, die Jahrzehnte später die Politik der Administration von George W. Bush mitprägen sollten.

Werbung